... und die „Frühen Stätten der Christenheit“

Im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts bereisten zwei Männer deutscher Sprache aus denkbar verschiedenen Lebenssphären Griechenland und den Vorderen Orient. Der Fürst Hermann von Pückler-Muskau mit Pomp und großem Gefolge; der Brixener Bauernsohn und spätere bayerische Professor Jakob Philipp Fallmerayer auf einem Eselchen reitend und ohne Gefolge. Dafür wog sein geistiges Gepäck ein gut Teil mehr. Als Fürst Pückler der Lady Hester Stanhope auf ihrer Schloßruine im Libanon seine Aufwartung machte, grüßten sich zwei verwandte Repräsentanten des Spleens; als Fallmerayer die Klöster des Berges Athos erklomm, wovon er uns eine heute noch sehr lesenswerte und in vorzüglichem Deutsch geschriebene Schilderung hinterließ, wurde es für ihn ebenfalls zu einer Begegnung verwandter Geister. Aber unter anderem Vorzeichen. – An diese beiden Gestalten erinnert man sich unwillkürlich, wenn man das Buch einer Reise liest, die rund 110 Jahre später wiederum von einem Deutschen im Auftrage zweier Rundfunkgesellschaften mit ziemlich genau der gleichen Route wie Fallmerayers Fahrt unternommen wurde. Inzwischen ist das Abenteuer kleiner und das Wissen von der Frühzeit des Orients größer geworden.

Peter Bamm: „Frühe Stätten der Christenheit.“ Kösel-Verlag München 1955. – 374 S. und 1 Karte, 14,80 DM.

Wer die Rundfunkvorträge Peter Bamms einigermaßen im Gedächtnis hat und heute sein Buch liest, wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, daß zu dem anschaulichen Bericht seiner lebendigen Eindrücke nachträglich noch eine Fülle historischer Reminiszenzen hinzugekommen ist. Zumal Peter Bamm eine sehr deutliche Neigung besitzt, mittels Parallelismen im Querschnitt die jeweilige geschichtliche oder kulturelle Situation für den Leser augenfällig zu machen. Um ein kurzes Beispiel zu geben, das sich beliebig vermehren ließe: „Dreihundert Jahre später zog Darius der Große von Persien durch die kilikischen Tore. Das war ein Jahrhundert, in dem Solon in Athen, Konfuzius in China, Buddha in Indien die Menschen lehrten.“ Was ist damit nun eigentlich gesagt? Man kann es in jedem Lexikon nachlesen.

Bamm greift in seiner Darstellung weit über die frühchristliche Zeit der von ihm besuchten Stätten hinaus und berichtet ebenso anregend von der Ausgrabung des alten Ur in Chaldäa aus Abrahams Tagen wie von der mächtigen Kreuzritterburg um 1200 n. Chr. unweit der antiken Stadt Emesa. So ist das Buch zu einer Pilgerfahrt im Dauerlauf durch die Jahrtausende geworden. Aus der sehr lebhaften geistigen Empfänglichkeit Bamms erwächst nicht selten eine fast spielerische Freude an der Überspitzung seiner Gedanken: „Mit dem ersten Kapitel des ersten Buches Moses beginnt nicht nur die Welt, sondern zugleich auch die Weltgeschichte. Adam ist eine historische Persönlichkeit.“ Man kann, wenn man so will, es konsequent nennen, wenn an anderer Stelle die Auffindung des Grabes von Adam zwar für wenig wahrscheinlich, aber doch nicht für unmöglich gehalten wird. Die Mehrzahl der Leser dürfte allerdings den liebenswürdigen Optimismus des Autors kaum teilen. Das Grab Adams soll, der Legende nach, unter dem Hügel von Golgatha liegen: ein Ort, der deutlich genug den Symbolcharakter der Legende verrät. In summa: ein persönlich gestaltetes, mit der Ernte reichen Wissens stark beladenes und durch die Frische seiner Anschaulichkeit im Gleichgewicht gehaltenes Reisebuch von viel klugem Reiz, aus dessen Lektüre der Leser, jeder auf seine Art, erheblichen Gewinn zieht.

E. A. Greeven