Wer den Weihnachtsstollen für einen Kuchen hält, der irrt sich. Er ist ein patriarchalisches Wahrzeichen für das, was man zwar ohne historische exakte Zeitbestimmung, dafür aber mit um so mehr Rührung die „gute alte Zeit“ nennt. Er ist ein echter Luxusgegenstand, geboren aus der Fülle und der großzügigen Üppigkeit eines Lebensgefühls, das auch an den nach kultivierten und verfeinerten Regeln geschaffenen vergänglichen Kunstwerken der Küche und der Backstube seine Neigung zu stolzer und zufriedener Repräsentation des Reichtums bewies. Die Qualität des Stollens war also nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern eine der gesellschaftlichen Stellung, des Ranges und des Erfolges. Wer es zu etwas gebracht hatte, wessen Hausstand sicher und vertrauenswürdig war, dessen Frau konnte auch Weihnachten einen anständigen Stollen auf den Tisch setzen. Und wer einen anständigen Stollen auf den Tisch setzte, auf den fiel ein Abglanz jener Legende, die sich um den Stollen bildete. Diese Legenden und Geschichten kann man nachlesen in einem kleinen, hübschen Bändchen:

Lenelies Pause: Vom königlichen Kindlein. Adam Reitze Verlag, Hamburg, 55 S., 3,– DM.

Es begann damit, daß der Heilige Vater des Stollens wegen im Lande Sachsen die Fastengesetze abänderte. Es war nämlich verboten, während der Fastenzeit Butter zu verwenden. Ein Stollen jedoch ohne Butter gebacken, in dem sich die köstlichen Gewürze mit dem, damals, zwar teuren, aber stinkenden Öl mischten – das war den Kurfürsten Ernst und Albrecht Grund genug, den Papst um Hilfe anzugehen. Dann gab es einen erbitterten Konkurrenzstreit der Städte Siebenlehn, Meißen und Dresden, den der Dreißigjährige Krieg zwar zum Ruhen, nicht aber zur Entscheidung brachte. Bald nach dem Westfälischen Frieden flammte der Stollenkrieg wieder auf. Immerhin wird diese leidenschaftliche Konkurrenz mit dazu beigetragen haben, daß die Güte des Stollens sich mehr und mehr steigerte und ihn so berühmt machte, wie er es bis zum heutigen Tage ist.

Der Titel des Buches bezieht sich darauf, daß „der Stollen nichts anderes ist als das in weiße Windeln gewickelte Christkind“. Besondes gelungen sind jene Passagen, in denen bei geschickter Auswahl der Zitate der umständliche und wichtige Ablauf der Backvorbereitungen mit seiner ganzen vorfestlichen Stimmung eingefangen ist.–Alles in allem: ein zauberhaftes kleines „Fachbuch“, dessentwegen man einige Wälzer, die uns von alten Gräbern oder der Geschichte der Dampfmaschine berichten, gerne stehenläßt. sy