FRS, Bern, Anfang Dezember

Die schweizerische Uhrenindustrie ist im Kampf um die Absatzmärkte der Welt in mehr als einer Hinsicht begünstigt. Sie fabriziert erstklassige Produkte, die ihren guten Ruf verdienen, sie hat große Kapitalreserven und eine Verbandsorganisation, die sich aller Mittel der geschäftlichen Expansion zu bedienen weiß, nicht nur der ständigen internationalen Marktforschung, der Kollektivreklame und der Messebeschickung, sondern auch des geschlossenen Auftretens bei Verhandlungen.

Im Verkehr mit der Bundesrepublik ist allerdings die „goldene Zeit“ der Kollektivabmachungen, bei denen sich das Verbandsgewicht der Schweizer voll auswirken konnte, vorbei. Die Bundesregierung tritt im Unterschied zur früheren Reichsregierung nicht als Verhandlungspartner im Uhrengeschäft auf, da sie dieses Feld dem freien Unternehmertum überläßt. Von dieser Konzeption ist die Schweiz im Krisenjahr 1931 abgewichen. Seither besteht eine recht straffe Marktordnung.

Daß dennoch fruchtbare zwischenstaatliche Beziehungen möglich sind, zeigt ein Blick auf den Handelsverkehr zwischen der Schweiz und der Bundesrepublik in der Uhrenbranche. Es macht nicht den Anschein, als ob sich in diesen bilateralen Beziehungen ein besonderes Konkurrenzproblem stelle. Die schweizerische Uhrenindustrie hatte sich zwar während des Krieges der von Deutschland bevorzugten Wecker- und Großuhrenfabrikation angenommen; sie hat seit dem Wiedererscheinen der deutschen Konkurrenz dieses Gebiet aber wieder verlassen, von wenigen Luxusartikeln abgesehen. In der Massenproduktion dieser Sorten von Uhren sind die deutschen Fabriken somit nach wie vor maßgebend – so sehr, daß in der Schweiz schon Begehren um Einfuhrkontingentierung oder erhöhten Zollschutz laut wurden. Was die Kleinuhren betrifft, so tritt die Bundesrepublik auf dem Schweizer Markt kaum in Erscheinung. Dies hängt damit zusammen, daß hier vor allem der ausländische Tourist, der nun einmal eine Schweizer Uhr will, als Käufer auftritt. Dagegen sind Gehäuse (doublés) deutscher Provenienz in der Schweiz stark gefragt. Im Jahre 1950 wurden aus Pforzheim nach der Schweiz rund 60 000 Stück geliefert, 1952 waren es bereits 469 000 Stück, 1954 fiel der-Umsatz auf 318 000 Stück. Die Zahlen des ersten Halbjahrs 1955 lassen wieder eine Steigerung etwa auf die Höhe des Jahres 1952 erwarten.

Der Verkehr in umgekehrter Richtung ist handelspolitisch dadurch bestimmt, daß Uhren unter 100 DM fob nicht auf der Freiliste stehen, während andererseits die Golduhren, die nach der Bundesrepublik exportiert werden, keinen westdeutschen Lieferanten konkurrenzieren; in besonderen Fällen – bei automatischen Uhren und Chronographen etwa – wünscht ja auch der deutsche Käufer, der für die gewöhnliche Gebrauchsuhr das einheimische Produkt bei weitem vorzieht, die Schweizer Marke.

Was die übrigen Märkte betrifft, so scheint auch hier trotz unvermeidlicher Konkurrenzkämpfe ein gedeihliches Nebeneinander durchaus möglich, und zwar zunächst deshalb, weil der westdeutsche Uhrenexport vor allem die europäischen Märkte aufsucht, während die Schweiz in Übersee, in der Regel, eine beherrschende Rolle spielt. So umfaßt der westdeutsche. Uhrenexport nach Holland zwischen 35–50 v. H. des dortigen Gesamtumsatzes an Uhren, in Österreich hat das deutsche Produkt, das qualitativ und preislich besser ankommt, die Schweizer Uhr schon weitgehend verdrängt.

Die Zollerhöhung auf Schweizer Uhren in USA, die zu einer Einbuße des Exports dorthin um ein Viertel (1954) führte, zwang zur besseren Pflege vor allem des Asiengeschäfts. In Hongkong, Singapur, in Irak, Ägypten, im Libanon und anderwärts wurde eine starke Werbung für die Schweizer Uhr entfaltet, wobei die fehlende Kaufkraft jener Länder äußerste Kalkulation erforderte. Da die Kreditierung im Uhrengeschäft – im Unterschied zur Maschinenbranche – keine entscheidende Rolle spielt, versucht die Schweiz ihren Vorsprung gegenüber der Bundesrepublik auch dadurch zu wahren, daß sie bedeutende Mittel in den Ausbau der Verkaufsorganisationen auf lange Sicht investiert. An allen Messen von Bedeutung ist die schweizerische Uhrenbranche, nicht selten mit dem luxuriösesten Stand oder Pavillon, vertreten, ganz im Unterschied zu westdeutschen Firmen, die eine – vom Standpunkt des Schweizer Fachmannes aus gesehen –merkwürdige Zurückhaltung üben.

Das „Uhrenstatut“ – Kernstück der schweizerischen Uhrengesetzgebung – läuft in wenigen Jahren ab. Wenn in Kreisen der Uhrenexporteure der Schweiz auch durchaus die Meinung vorherrscht, die Ziele und Methoden dieser stark ins internationale Geschäft ausstrahlenden Marktordnung hätten sich bewährt, so rechnet man in politischen Kreisen doch mit gewissen Lockerungen zugunsten einer größeren Entschlußfreiheit der einzelnen Unternehmer.