Von Paul Hühnerfeld

Woher kommt es, daß es heute in der deutschen Publizistik wieder mehr schreibende Ärzte gibt als vor etwa 25 Jahren? Gemeint sind damit nicht Ärzte, die sich zum Schriftsteller oder gar Dichter berufen fühlen wie Hans Carossa, gemeint sind Männer wie Friedrich Deich, Joachim Bodamer oder Kurt Gauger, zu deren Leben es gehört, sich schreibend nicht nur im Fachblatt, sondern auch in der Tageszeitung, nicht nur im wissenschaftlichen Werk, sondern ebenso im essayistischen Buch zu äußern. Bei ihnen ist nichts mehr von der kühlen und oft von Arroganz nicht freien akademischen Zurückhaltung zu spüren; sie nehmen Stellung zu brennenden Problemen unserer Zeit, polemisch, mit bewegten Herzen. So greift man mit Interesse zu Büchern, auf deren Titelblatt ihr Name steht:

Joachim Bodamer: „Gesundheit und technische Welt“ (Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 270 S., 14,80 DM).

Bodamer ist Psychiater und Oberarzt an einer süddeutschen Heilanstalt. Bodamer ist aber auch – wie dies Buch erweist – ein Mann, den der gegenwärtige Zustand unserer Welt mit Sorge erfüllt. In acht Essays entwirft er das Bild einer gnadenlos technisierten Zeit. In dieser Zeit kann der Mensch nicht mehr „ganz“ leben: er ist ohne „Hei“ und damit auch ohne echte Gesundheit. Der Autor belegt diese These zunächst mit den ja bekannten Argumenten unseres wahrhaft entsetzlichen Krankenhaus- und Sozialversicherungsbetriebe von heute, wo echtes Mitleid längst zu staatlich gelenkter Massenabfertigung säkularisiert wurde. Aber Bodamer bleibt bei diesem einen Argument nicht stehen: er zeigt eindringlich, daß es nicht nur eines Abbaues der „Technisierung“ unserer Krankenbehandlung bedarf, sondern daß bei uns allen ein geistiger Schwund eingetreten ist, auf Grund dessen solche Überorganisationen erst entstanden sind.

Gleich in seinem ersten Essay weist er zum Beispiel darauf hin, daß Ärzten und Laien die Idee der „Gesundheit“ heute fehlt. „Daß seit fast hindert Jahren die theoretische Medizin sich mit dem Gebiet der Gesundheitslehre nicht mehr befaßt hat, ist... um so merkwürdiger, als damit eine große europäische Tradition aufgegeben wurde.“ In der Tat eine frappierende Feststellung: für Hippokrates und Galen, die mittelalterliche Ärzteschule von Salerno, ja noch für die romantischen Ärzte war die Gesundheitslehre erstes Stück der Medizin (und ein alter chinesischer Brauch bestand darin, den Hausarzt so lange zu bezahlen, wie alle Familienmitglieder gesund waren, erkrankte eins, setzte man mit der Bezahlung aus). Die naturwissenschaftliche Medizin dagegen kennt keine Gesundheitslehre mehr (die fällt deswegen in die Hände der Sektierer von Hahnemann bis Wärland). Bodamer zeigt nun präzise auf, woran das liegt: die fortschreitende Technisierung der Welt kann sich nicht mehr um die Entstehung eines normalen Lebens kümmern. Ihre einzige Sorge gilt dem Funktionieren der Masse Mensch. Gesundheit wird Funktionstüchtigkeit, Krankheit, Funktionsuntüchtigkeit – das Krankenhaus kein Ort der Gesundung und Besinnung mehr, sondern eine bessere Reparaturwerkstatt.

Es führt zu weit, noch weitere Beispiele aus Bodamers Essays herauszugreifen. Sie alle haben dieselbe Pointe: es ist eine heillose Welt, die wir uns aufbauen: der Arzt muß warnen. In den Essays dieses klugen Mannes (dessen Stil ich mir freilich manchmal etwas eleganter gewünscht hätte – solch’ ein Satzanfang wie „Welch letztere Bemerkung insofern völlig richtig ist, als ...“ steht leider nicht allein in seiner sprachlichen Qualität), in diesen Essays also erkennt man aber auch, warum der Arzt sich heute zu Wort melden muß: unsere Welt ist krank; das stellt sich heraus, sobald der Horizont alltäglichen Fortschrittsrummels überschritten wird. Der Arzt aber, der nicht Funktionsstörungen beseitigen, sondern wirklich heilen will, überschreitet ihn jeden Tag. Ihn drängt es zu sprechen. – Doch ist dies der ganze Grund für den ärztlichen Weg in die Publizität? – Eine kleine Schrift

„Angina temporis“ von Jürgen Eide und Kurt Gauger (Droste-Verlag, Düsseldorf, 78 S., 3,20 DM)