Es wäre interessant gewesen, das Gesicht Bulgariens zu sehen, wenn seine Behauptung, die deutschen Kriegsgefangenen seien samt und sonders Kriegsverbrecher, von Adenauer mit der Bemerkung quittiert worden wäre: „Hoffentlich sind auch die Leute dabei, die Katyn auf dem Gewissen haben – die suchen wir schon lange!“

Wahrscheinlich hätte Bulganin auf das Stichwort Katyn mit einem sehr einfachen Trick reagiert, nämlich mit der Beschwörung jener Zauberformel, mit der peinliche Erbschaften aus der Stalin-Zeit gern abgefedert werden: „Berija war an allem schuld!“ Ohne dieses Mittel wäre die Aussöhnung mit Tito kaum so glatt über die Bühne gegangen, und Chruschtschow hätte nicht türkischen Journalisten versichern können, daß die gutnachbarlichen Beziehungen zwischen der Türkei und der Sowjetunion nie getrübt worden wären, wenn Berija nicht „seine Hand im Spiel gehabt hätte“.

Wo hatte Berija seine Hand eigentlich nicht im Spiel? Konnten ohne sein Wissen und Wollen – er war ja immerhin höchster Chef der GPU – 11 000 kriegsgefangene polnische Offiziere aus drei verschiedenen Lagern verschwinden, von denen 4143 im Massengrab von Katyn wiedergefunden wurden?

Von deutscher Seite ist bisher erstaunlich wenig geschehen, um das deutsch-sowjetische (und das deutsch-polnische) Verhältnis von dem Schatten Katyns zu befreien. Es gibt Deutsche, die das für überflüssig halten, weil die deutsche Unschuld längst klar und einwandfrei erwiesen sei. Ihnen empfehlen wir die Lektüre des Buches von O. F. Battaglia „Zwischeneuropa von der Ostsee bis zur Adria“ (Verlag der Frankfurter Hefte, Frankfurt 1954), worin Katyn als eine „bis heute nicht geklärte, geheimnisvolle Angelegenheit“ bezeichnet wird. Andere Deutsche finden die Erwähnung von Katyn am Tage, an dem der sowjetische Botschaft ter Sorin in Bonn ankommt, „taktlos“.

Warum taktlos? Moskau hat ja Katyn vor dem Nürnberger Gericht zur Sprache gebracht und damit gezeigt, daß es nichts dagegen hat, diese Frage international zu diskutieren. Hätten die Nürnberger Richter nicht die strenge Anweisung gehabt, die Wahrheit nur so weit an den Tag zu bringen, wie sie Deutschland belastet, wüßten wir vielleicht heute schon mit Sicherheit – was wir jetzt nur als Vermutung aussprechen können –, daß Berija auch bei Katyn „seine Hand im Spiel hatte“.

Auch den rund 900 in Polen zurückgehaltenen deutschen Kriegsgefangenen werden Kriegsverbrechen zur Last gelegt. Hier bietet sich eine Gelegenheit, die an Bulganin nicht gestellte Frage, „sind die Mörder von Katyn dabei?“, nachzuholen. Polen will die deutschen Gefangenen nur dann herausgeben, wenn Bonn mit Warschau diplomatische Beziehungen aufnimmt. Wie aber können wir Polen diplomatische Beziehungen zu uns zumuten, solange sie uns in Verdacht haben, 11 000 seiner besten Söhne lange nach Beendigung der Kriegshandlungen ermordet zu haben? ll