Es ist eine unheimliche Vorstellung, daß unter uns ein Mensch lebt, der seit Jahrzehnten verzweifelt versucht, zu beweisen, wer er ist. Ein Fall Kaspar Hauser in unserer Zeit der Taufscheine, Kennkarten und Fingerabdrücke? Die Zähigkeit, mit der eine Frau seit drei Jahrzehnten bei der Aussage verharrt, sie sei die Tochter des letzten russischen Zaren, spricht gegen den Verdacht der Hochstapelei. Hochstaplern pflegt es im allgemeinen gut zu gehen, diese Frau aber lebt in größter Armut! Gewiß, man sagt, ein Millionenvermögen warte in den Tresoren englischer Banken auf die rechtmäßige Erbin des Zaren und das erkläre den erbitterten Kampf um Anerkennung. Ein von den englischen Behörden ausgestellter Erbschein würde in den Augen der Welt die Zweifel beseitigen, daß Anna Anderson, wie sie heute heißt, tatsächlich die jüngste Tochter des letzten Zaren ist. Der Verfasser des nachstehenden Artikels ist Kaiserlich russischer Rittmeister a. D. und letzter Begleitoffizier der Großfürstinnen Maria und Anastasia Nikolajewny, der Töchter des letzten Zaren.

In einem winzigen Schwarzwalddorf lebt in denkbar dürftigen Verhältnissen eine schwerkranke, scheue Frau von 55 Jahren in völliger Abgeschlossenheit. Die Behörden haben ihr den Namen Anna Anderson gegeben. Die griechisch-katholische Kirche aber hat sie auf den Namen Anastasia Nikolajewna Romanow, Großfürstin von Rußland, getauft. Als solche, nämlich als jüngste Tochter des letzten Zaren, hatte ich sie im Oktober 1916 in Zarskoje Sselo unweit Petersburg kennengelernt.

Als gebürtiger Deutschbalte hatte ich in der russischen Armee meiner Dienstpflicht genügt und war Reserveoffizier geworden. In einem privilegierten Dragonerregiment, dessen Chef die dritte Zarentochter, Großfürstin Maria, war, wurde ich in Galizien schwerverwundet und in ein kleines Lazarett – das im allgemeinen mit nicht mehr als acht Offizieren belegt war – eingeliefert. Maria, damals achtzehnjährig, und Anastasia, knappe sechzehn Jahre alt, waren die Schirmherrinnen dieses Platzes. Mit Eifer und Stolz widmeten sie sich ihrer Aufgabe und kamen zwei- bis dreimal in der Woche aus dem nahegelegenen Alexanderpalais herübergelaufen, um mit uns zwangslos zu plaudern, Halma, Dame oder Billard zu spielen. Daraus ergab sich ein ziemlich naher persönlicher Kontakt, zumal von irgendeinem Zeremoniell nicht die Rede war. Im Februar 1917, also vier Monate später, bestimmte die Zarin, die hin und wieder den Tee bei uns nahm, daß ich in den letzten Wochen meiner Rekonvaleszenz die beiden jungen Mädchen bei deren Ausfahrten, Spaziergängen und Besuchen zu begleiten habe, wodurch sich unser unbekümmertes und lustiges Freundschaftsverhältnis noch verdichtete. Dann brach die Revolution aus, die Zarenfamilie wurde im Palais gefangengesetzt und ich kehrte zum Regiment zurück ...

Nach fast elf Jahren – im Spätsommer 1927 – wurde ich in Berlin von Freunden veranlaßt, einer Aufforderung des Herzogs Georg von Leuchtenberg nachzukommen und ihn auf Schloß Seeon in Oberbayern zu besuchen. Bei ihm lebe eine schwerkranke junge Frau, deren Identität mit der Großfürstin Anastasia möglich sei, und nun bäte er um meine Ansicht. Nach längerem Zögern – ich mußte erst meine, gewiß erklärliche Skepsis überwinden – erfolgte die Begegnung, die mir absolute Gewißheit brachte: Nicht nur, daß meine kleine ehemalige Schirmherrin mich zuerst erkannte, sondern sie erinnerte mich sogar – an Hand der von mir mitgebrachten Photos aus Zarskoje Sselo – an kleine charakteristische Begebenheiten vor elf Jahren, die ich vergessen hatte, die aber bei ihr haftengeblieben waren, und stellte einige, von mir wissentlich entstellte Milieuschilderungen richtig ... Erschüttert fuhr ich nach Berlin zurück und verfaßte eine Broschüre über meine persönlichen Erinnerungen und Eindrücke an Anastasia, in der Hoffnung, daß sie eine gewisse Beweiskraft haben werde. Das dürfte ja wohl auch der Fall gewesen sein, denn die paar tausend Exemplare wurden sofort nach ihrem Erscheinen von unbekannte Seite aufgekauft...

Es kamen die turbulenten Jahre des Hitlerregimes, der Katastrophe und der Aufbauarbeit. Anastasia schien vergessen, bis einige Zeitungen den „Sensationswert“ ihres Falles entdeckten. Dabei wurden die Tatsachen aber oft genug unvollständig wiedergegeben oder gar auf den Kopf gestellt. Es ist aber an der Zeit, daß man sich noch einmal ernsthaft um diese hilf- und wehrlose Frau kümmert, die nur noch ein Schatten ihrer selbst ist und die durch unvorstellbares Grauen gegangen ist – wurden doch vor ihren Augen Vater, Mutter und Geschwister in bestialischer Weise ermordet.

Es gibt eine kleine Gruppe Menschen, darunter auch nahe Verwandte und Angehörige deutscher Fürstengeschlechter, die seit vielen Jahren von der Identität der „Anna Anderson“ mit der Großfürstin Anastasia überzeugt sind und alles erreichbare Material sammeln, um schließlich ihre rechtliche Anerkennung durchzusetzen.

Im Verlauf der zurückliegenden dreißig Jahre ist immer wieder behauptet worden, es wäre undenkbar, daß ein Mitglied der Zarerifamilie den Mördern in Jekaterinenburg (heute Swerdlowsk) entronnen sein könnte. Hierzu liegen jetzt drei aufschlußreiche Erklärungen vor: Oberstleutnant a. D. H., Hamburg, stellt fest, daß er als Offizier der deutschen Besatzungsarmee in der Ukraine im Herbst 1918 dafür gesorgt habe, daß ein Rübenwagen die Pontonbrücke über den Bug in Richtung Rumänien passieren durfte. In dem Wagen habe sich, wie ihm von zuverlässiger Seite versichert wurde, die schwerverwundete Großfürstin Anastasia befunden. – Graf Carl Bonde, Chef der schwedischen Rote-Kreuz-Mission in Rußland im Jahre 1918, teilt mit, daß sein Sonderzug „irgendwo in Sibirien“ von Rotarmisten angehalten und nach der Großfürstin Anastasia durchsucht worden ist. – Ein gegenwärtig amtierender Botschafter der Bundesrepublik sagt aus, daß ihm der Direktor einer Swerdlowsker Fabrik im Dezember 1928 – er teilte zeitweilig das Kupee des Diplomaten auf dessen Reise von Moskau nach Peking – berichtet habe, es wäre in Swerdlowsk durchaus bekannt, daß eine der Zarentöchter dem Morden entgangen sei. – Durch mehrere Veröffentlichungen ist ferner bekanntgeworden, daß „Anna Anderson“ behauptet hat, sie habe letztmalig ihren Onkel, Großherzog Ernst Ludwig von Hessen (Bruder der Zarin) im Jahre 1916 in Sarskoje Sselo gesehen. Dies wurde zunächst allgemein als absurd abgelehnt, Kronprinzessin Cäcilie bestätigte jedoch die Richtigkeit dieser Behauptung: Ihr Schwiegervater, Kaiser Wilhelm, habe ihr gegenüber zugegeben, daß der Großherzog aus eigener Initiative im Jahre 1916 inkognito über Schweden und Finnland nach Sarskoje Sselo gereist wäre, um einen Vermittlungsversuch zu unternehmen ... Jetzt liegt ein Schreiben des russischen Obersten Lar-Larski vor, der vor einem halben Jahr in der Schweiz gestorben ist. L. stand dem Zaren persönlich nahe und sein Brief ist an den Prinzen Friedrich von Sachsen-Altenburg – einen unentwegten Verfechter der Identität Anastasias – gerichtet. Darin bestätigt er rückhaltlos, daß Großherzog Ernst Ludwig unter dem Namen eines Prinzen von Thurn und Taxis in der angegebenen Zeit durch Finnland nach Petrograd gereist sei.

Heute ist es möglich, die unwahre Behauptung, alle nahen Verwandten des Zarenhauses leugneten die Identität, zu widerlegen. Hierzu dürfte ein Brief (der im Original vorliegt) des Großfürsten Andreas (Vetter des Zaren und Bruder des Vaters der Prinzessin Louis-Ferdinand von Preußen) vom 6. Februar 1928 aus Paris genügen. Hier einige, wortgetreu aus dem Russischen übersetzte Zitate: „Zwei Tage lang hatte ich die Möglichkeit, die Kranke gründlich zu beobachten und zu studieren und kann nun mit aller Sicherheit sagen, es bestehen für mich keinerlei Zweifel darüber, daß sie die Großfürstin Anastasia Nikolajewna ist – es ist einfach unmöglich, sie nicht zu erkennen.“... An anderer Stelle: „... aber ich bleibe bei der tiefsten Überzeugung, daß man böswillig die Kranke zu vernichten beabsichtigt.“ ... Felix Dassel