Seit 1937 ist Dr. Käthe Neumann an der religionskundlichen Sammlung der Universität Marburg als Assistentin tätig. Sie ist Orientalistin, beherrscht die wichtigsten asiatischen Sprachen, neben dem Sanskrit das Indische, das Tibetische, Chinesische und Japanische. Mit dem Marburger Ordinarius für indische Philologie und Kulturgeschichte des Ostens, Dr. Johannes Nobel, arbeitet sie an der Herausgabe des Erklärenden Wörterbuches zum chinesischen Buddhismus (Chinesisch-Sanskrit-Deutsch). Daneben ist sie als Kustos der wertvollen Sammlung des religionskundlichen Seminars der Marburger, Universität tätig.

Der Weg zu den Sammlungen und zur Bibliothek wird dem Besucher nicht leicht gemacht. Aber die Mühe trägt ihren Lohn. Vom Altan des Schlosses in Marburg hat man einen prächtigen Blick auf die alte Universitätsstadt und weit hinein ins Oberhessische, in die sanft schwingende Landschaft der oberen Lahn. Man durchquert den nicht sehr großen Schloßhof, steigt die Wendeltreppe eines Turmes in den dritten Stock empor und steht nun vor der Tür des Instituts. Man klingelt und wird unmittelbar von Frau Dr. Käthe Neumann empfangen, einer schmalen, fast zierlichen Frau mit ausdrucksvollen Augen in einem blassen Gesicht.

Sie betreut die wertvolle Sammlung des Instituts, das im Jahre 1929 von Rudolf Otto („Das Heilige“, 1917) begründet wurde. Nach seinem Tod im Jahre 1937 wurde Prof. D. Dr. Heinrich Frick sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Systematische Theologie und vergleichende Religionsgeschichte und gleichzeitig Direktor des Instituts. Seit diesem Jahr ist auch Dr. Käthe Neumann hier tätig.

Ein ungewöhnlicher Beruf für eine Frau. Aber die heute Zweiundfünfzigjährige kann sich eine andere Lebensform nicht denken. Sie ist Berlinerin. Sie liebt die Ebene Und das Meer, die hessischen Gebirge stören sie eher ein wenig. In den zwanziger Jahren hat sie in Berlin mit vier anderen Studenten vergleichende Sprachwissenschaft getrieben, später in Greifswald war sie die einzige Studierende dieses Fachs, „und das war sehr anstrengend“, sagt sie lächelnd, „man ist dauernd der Ansprache des Lehrenden ausgesetzt, der ohnehin in seiner Umgebung fast keine Partnerschaft seines Wissens hat, man trägt also die Kosten des Gesprächs“.

Die unauffällig gekleidete Frau sitzt am Schreibtisch ihres Arbeitszimmers in einem gotischen Gewölbe. Sie sitzt Tag für Tag in diesem stillen Raum, einem Studiergehäus, abseits des lärmenden Lebens. Etwas von der meditativen Ruhe der asiatischen Religionen scheint hier eingezogen zu sein, eine Art stummer Mitteilung aus Büchern und Gegenständen. Im Sommer kommen die Besucher, viele aus dem Ausland. Die Fachleute werden von Frau Dr. Neumann durch die Sammlung geführt („das ist zeitraubend und anstrengend, aber man lernt dabei“), während die übrigen Besucher vom Kastellan geführt werden. Im Winter ist es still, wir gehen durch hallende Gänge und knarrende Türen des Schlosses, das in seinen ältesten Teilen der heiligen Elisabeth als Witwensitz zur Verfügung stand (aber sie bewohnte eine Hütte neben der Kirche, das Schloß hat sie wahrscheinlich nie betreten). Kapelle und Rittersaal sind so alt wie die Elisabethkirche, und im Arbeitszimmer Philipps des Großmütigen, der in Marburg die erste protestantische Universität gründete, fand 1529 das ergebnislose Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingli statt.

Religion ist in diesen Mauern, mittelalterliche und reformatorische Frömmigkeit, und so lag es nahe, hier die berühmte Sammlung unterzubringen. Das geschah 1949, nachdem der hessische Staat der Universität das Schloß zur Verfügung gestellt hatte. 1950 fand in Marburg der Doppelkongreß für Orientalistik und Religionswissenschaft statt, und das war auch das Datum der feierlichen Eröffnung.

Frau Dr. Neumann findet das freilich wenig praktisch. Nicht, weil sie jeden Tag einen Marsch von dreiviertel Stunden den Schloßberg hinauf und wieder herunter zurücklegen muß. Aber die Mauern sind feucht, Bildrollen und Bücher verderben. Im Grunde wäre sie mit einer festen Baracke zufriedener. Und während wir im Schein des sinkenden Tages, mit der Taschenlampe ausgerüstet, an den Vitrinen, den Buddhastatuen und Hausaltären, den prächtigen Ritterrüstungen und den Meditationsräumen entlang gehen, entschuldigt sie immer wieder das Vorläufige der Aufstellung. Aber es ist höchst reizvoll, das Licht auf die kleinen Götterstatuen eines Visnu-Tempels oder auf den japanischen Buddha Amida mit dem Strahlenkranz oder die berühmte Bronzefigur des tanzenden Shiva von Madras zu richten. Es sind nicht alles Originale. Es gibt auch Gipsabgüsse aus den Berliner Museen, aber sie haben nach dem Verlust der Originale heute einen besonderen Wert.