Reiten, reiten, reiten durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag. Reiten, reiten, reiten." Dieser Anfang der "Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" sind Lieblingsworte von Millionen. Über eine Million Auflage hat das Buch (Inselbuch Nr. 1), in 14 Sprachen ist es übersetzt. Der Film "Cornet" (Esplanade, Hamburg. Fama/Allianz) beginnt mit den gleichen Worten und mit den farbigen Bildern ziehender Reiterscharen, die zwar schon aus manchem Film gute Bekannte sind, die hier aber sogleich den Meister an der Kamera – den Schweden Göran Strindberg (Bundespreisträger) verraten, der das Beste für den Film getan hat.

Nach "Königliche Hoheit" (nach Thomas Mann) und "Ludwig II." ist dies der dritte, größte und teuerste historische Farbfilm der deutschen Nachkriegszeit. Schon nach dem ersten Weltkrieg gab es in Deutschland eine Hochflut historischer Filme, die man bezeichnenderweise "Kostümfilme" nannte und damals auf das Verlangen eines armen Volkes zurückgingen, das stets Paradeglanz geliebt hat, das Verlangen nach Prunk. Nun also der "Cornet", und das Wort von der Anziehungskraft des Kostümfilms stimmt noch immer: Seide, Samt, reiche Stickereien, Wämser, orientalische Gewänder, Zelte im Türkenlager und das Gemetzel auf dem Schlachtfeld zwischen Mur und Raab vor dem Schloß Zathmar – alles ist naturgetreu und farbig (in Eastman-Color). Es wurde nicht im Atelier gedreht, sondern auf der Feste Marienburg bei Würzburg. Es wurden kostbare Kunstgegenstände, alte Rüstungen, Fahnen und Säbel, Pfeile und Bogen, Kutschen und Kanonen in Mengen benutzt, 2000 Statisten und 200 Pferde, darunter 16 weiße Araberhengste. Aber wenn die Zuschauer im Kino schließlich das blutige Gemetzel vor dem brennenden Schloß auf der Leinwand erleben, wo der historische Sporkgraf den historischen Großwesir überlistet und besiegt, was soll’s da mit der Echtheit? Wo saßen damals die Zuschauer?

‚Ein Amerikaner sieht Würzburg‘, nämlich der aus Hollywood zurückgekehrte Regisseur Walter Reisch ("Zwei Herzen im Dreivierteltakt", "Maskerade", "Ninotschka"): das ist eine Erklärung für diesen mit viel Liebe, Sorgfalt und "Demut vor dem Dichterwerk" gedrehten Film. Die andere ist nicht weniger spöttisch und kommt aus Filmkreisen: "Romantik sieht man heute wieder gern." Also auch Rilkes "Cornet", das rosenrote Epos mit den heißen Stellen, das uns ein Musterbeispiel von dem erscheint, was wir sprachlich geadelten Edelkitsch nennen und was auch der Dichter selbst so empfand, als er in späterem Alter sein Jugendwerk beurteilte, das er mit 24 Jahren geschrieben. Die Millionenauflage des "Cornets" beweist, wie groß das Bedürfnis nach Kitsch ist. "Wenn schon Kitsch, dann soll er wenigstens von Rilke sein", so schrieb uns vor Jahren ein einsichtsvoller und überzeugter Rilke-Verehrer.

Der Film ist nicht von Rilke. Manchmal ahnt man, im Kino sitzend, die entsprechenden Kitschbilder voraus und bei Gott – sie tauchen auf: die Schloßfrau, bei schönem Licht in der dunklen Nacht im reichbestickten glitzernden Gewand eine Erobert-werden-möchte-Position am Baum einnehmend ... Die Schwedin Anita Björk ("Fräulein Julie", "Die Hexe") ist die Gräfin, und wenn sie auch sicher nicht der Vorstellung der Verehrer der Rilke-Dichtung entspricht, so hat sie mit ihrem dezenten und nuancenreichen Spiel eminente schau-

spielerische Ausstrahlung in dieser Rolle. Doch gibt es zu viele von der Regie gestellte langweilige Bilder, so daß die phantasievolle Kamera Göran Strindbergs und die auf grobe, nicht gerade Rilkesche Schockwirkung bedachten Schnitte (auf das erotische Gestampfe im Tanzsaal folgt der Blick auf die Fleischklumpen in der Küche) trotz vieler Einfälle auch in der Anwendung der Geräusche nicht allzu fesselnd unterhalten können. Bei Rilke sagt Graf Spork ein Wort: "Cornet" und macht den Knaben damit zum Krieger. Im Film kutschiert, stolziert, reitet der Graf lange Strecken über die Leinwand und bleibt doch nichtssagend.

Aber Rilkes Buch, das, wie es heißt, bei den jur.gen Soldaten des ersten Weltkrieges im Marschgepäck war, aber auch im zweiten von manchem Zwanzigjährigen gelesen wurde, diese Ballade, die den jungen Soldaten im Krieg und Dreck die Sehnsucht nach den Müttern, nach den Geliebten, nach einem kultivierten Dasein in so klingenden Worten vorspiegelte ("Nicht immer Soldat sein. Einmal die Locken offen tragen und den weiten offenen Kragen und in seidenen Sesseln sitzen und bis in die Fingerspitzen so: nach dem Bad sein. Und wieder erst lernen, was Frauen sind.") ist so populär, daß auch die dazu erfundenen, entsüßten Dialoge derBegeisterung keinen Abbruch tun werden.

Wer Rilkes "Cornet" in der Jugend las und nie wieder vornahm, bewahrt sich daran einen Glanz, wie ihn in der Erinnerung alles trägt, was man in der Jugend liebte. Davon wird derFilm profitieren. Glücklicherweise ist der jugendliche Held (Götz von Langheim in seiner ersten Filmrolle) ohne jene Leuchtkraft, die das Soldatsein in diesem das Gefühl mehr als den Intellekt ansprechenden Rührstück allzusehr glorifizieren könnte. Dennoch werden mit manchen echten Tönen darin falsche Wirkungen erzeugt werden. Im Kampf zwischen Ausdruck und virtous gehandhabtem Instrument ist auch dieser Film ein zerstreuendes Genußmittel, das die Köpfe süß vernebelt. Erika Müller