Gibt es zwei John Steinbecks – einen Humoristen, der die "Schelme von Tortilla Fiat" und die "Straße der ölsardinen", und außerdem einen sozialen Ankläger, der die "Früchte des Zorns" und das "Tal des Himmels" geschrieben hat? Aus der Nähe besehen, sind beide identisch. Der eine Steinbeck, in dem sie wurzeln, ist ein Biologe mit dem leidenschaftlichen Interesse an dem Lebewesen Mensch, das so unendlich viel mehr Spielarten hat, als andere Lebewesen. Über dem gesamten Werk könnte das Motto stehen: "Wie groß ist doch Gottes Menagerie!" Aber auch für Steinbeck ist nicht alles Mensch, was zwei Beine hat und aufrecht geht. Es gibt eben auch Unmenschen, und wo sie auftreten, hört für ihn! der Spaß auf, der in seinen lustigen Büchern so heiteres Licht auch auf Ungerechte scheinen läßt.

Ein früher. Roman, in den dreißiger Jahren, noch vor den "Früchten des Zorns" geschieben,

John Steinbeck: "Stürmische Ernte". übersetzt von Alfred Kuoni. Im Verlag der Arche, Zürich, 335 Seiten, 13,80 DM

führt an die Grenze der Unmenschlichkeit: Kalifornische Erntearbeiter streiken, als ihr Tageslohn herabgesetzt wird. Zu einem regulären Streik kommt es erst durch das Erscheinen von zwei "roten Agitatoren", deren sehr verschiedenartige Naturen Steinbeck mit besonderer Aufmerksamkeit analysiert: Mac ist der geschulte Berufsrevolutionär, der die Aufträge der Partei bestens ausführt, Jim dagegen, nur der "Junge" genannt, selbst der Sohn eines Proletariers, findet in der kommunistischen Streikbewegung den Reiz eines intellektuellen Spiels und wird durch seine demagogische Genialität der Führer der Streikenden – aber auch, logischerweise, das Opfer der "Ausbeuter", die ihn über den Haufen schießen lassen. Ganz kühl sieht Steinbeck dem immer schlechter werdenden Kampf gegen das Schlechte zu, in dem sich erweist, daß, wie der Doktor sagt, "Gruppenmenschen immer eine Art Infektion bekommen".

Den Begriff des "Allzumenschlichen" erkennt Steinbeck nicht an. Täte er es, wäre er ein Moralist und kein Humorist. Daß er dies ist, beweist das andere nun auch deutsch erschienene Buch:

John Steinbeck: "Wonniger Donnerstag". Deutsch von Harry Kahn, Diana-Verlag, Stuttgart/Konstanz, 346 Seiten, 13,80 DM.

Es ist die Fortsetzung der "Straße der Ölsardinen", mit manchen Schwächen einer solchen, aber mit einer echt Steinbeckschen Stärke: Das Mädchen Suzy, die weibliche Hauptperson, eine "Zugereiste", hat soviel Mutterwitz und unbefangenen Lebensmut auch in der verfahrensten Situation, daß man meinen möchte, Steinbeck hätte sie nach dem Leben gezeichnet. Eigentlich paßt sie gar nicht in die "Flotte Flagge", das Haus der leichten Mädchen, über das die pompöse Madame Fauna (nicht Flora!) regiert. Denn hier herrscht das Gesetz der rationalen Ordnung, und Suzy folgt nur ihrem Impuls. Darum taugt sie wenig für ihren Job. Aber darum kann Fauna am Schluß für sie einen goldenen Stern an die Decke des Empfangssalons kleben – das Zeichen, daß eine Insassin der "Flotten Flagge" sich vermählt hat. Wer der Erwählte ist und wieso es eine wirkliche Liebesheirat werden kann, das erfährt der Leser am besten durch die Lektüre der köstlichen Schelmerei, die ja inzwischen auch schon auf einer Broadwaybühne gelandet ist. d. r.