Hannover, im Januar

Es werden Filme in solchen Mengen produziert und aufgeführt, daß man nicht zu Unrecht fürchtet, es gäbe gar nicht genug Konsumenten, die sie sehen wollen. Wenn die Flut der Auslandsfilme, voran der amerikanischen, anhält – und es sieht nicht so aus, daß sie durch irgendeine Marktregelung, durch Beschluß von Regierungsstellen, Kinobesitzern oder Besuchern einzudämmen ist –, dann wird die deutsche Produktion sich zurückhalten müssen. Es könnte ihr sonst passieren, daß manche Filme längere Drehzeiten als Laufzeiten haben.

Wie viele Filme tauchen jährlich in den vielen Kinos auf und verschwinden meistens nach ein paar Vorführungen wieder, und wie wenig bleibt aus einer Jahresproduktion in der Erinnerung haftet. Man frage einmal regelmäßige Kinobesucher, wie oft sie sich Filme ansehen, und lasse sich auch nur von fünf dieser Filme, von denen sie behaupten, sie hätten sie beeindruckt, den Inhalt erzählen – es ist so gut wie nichts haftengeblieben. Einer der wenigen Filme aus der letzten Zeit, von dem man heute noch spricht, ist „Canaris“, der als einer debesten deutschen Filme der Nachkriegszeit einige Bundesfilmpreise erhielt.

Nun hat derselbe Produzent mit dem um den Regisseur Alfred Weidenmann gescharten fast gleichen Team – von dem Drehbuchautor Herbert Reinecker bis zu den Darstellern (O. E. Hasse) und dem Kameramann Helmut Ashley – im Schatten des Ruhmes und in der Sonne des ungewöhnlichen Erfolges von „Canaris“ einen neuen Film gemacht: „Alibi.“ (Uraufführung im riesengroßen Aegi-Theater, Hannover. Fama/Europa). Sie haben wieder ein Thema gesucht, das „anliegt“ und das ewig ist: das Thema „Liebe deinen Nächsten“. Sie zeigen die Vereinsamung und Hilflosigkeit des einzelnen im gut funktionierenden-Betrieb, in dem wir alle dahintreiben und in dem manche überrollt werden. Sie wollen aber auch mahnen, daß, wie jemand, der im Zeichen der Hochkonjunktur auf der eigenen Erfolgswelle sitzt (die er mit äußerster Anstrengung und unter äußerstem Einsatz seiner Kräfte und seiner Zeit erreicht hat), Verantwortung spüren und sich dessen bewußt sein soll: jeder, also auch er, habe einen Nächsten, der ohne ihn nicht weiter kann.

Nun also, diese Figur müßte so überzeugen und die Bilder müßten so zünden, daß man aus dem Kino stürzt, um eine gute Tat zu tun. Aber die Rolle dieses Chefreporters einer Boulevardzeitung ist leider recht unwahrscheinlich. – Es handelt sich um einen vielbeschäftigten Mann, der zwischen dem Kriegsschauplatz Korea, den Atombombenexplosionen in Las Vegas, Konferenzen in Genf plötzlich als Geschworener in seiner Heimatstadt Hamburg entdeckt, daß er eigentlich ein Mensch und keine Wortmaschine ist. Ein Mensch, der sich um einen anderen Menschen, einen auf Grund eines ‚lückenlosen‘ Indizienbeweises unschuldig zu zehn Jahren Gefängnis Verurteilten mit allen ihm zu Gebote stehenden Möglichkeiten, die Öffentlichkeit aufzurufen, kümmert. Selbst O. E. Hasses Spiel kann die Wandlung von einem unbeteiligten und gleichgültigen Egozentriker und Beobachter des Entferntesten zum Freund und Helfer seines Nächsten auf der Schattenseite des Lebens nicht schaffen. Uns fehlt anscheinend die Sprache dafür. Wenn auch die stolz tönenden Worte, die der Chefreporter bei der Inbetriebnahme einer Rotationsmaschine spricht, schön klingen: „Millionen lesen die Zeitung, jeden Tag. Sie lesen, was wir ihnen sagen und wie wir’s ihnen sagen. Wir beeinflussen sie. Und das ist dann das, was man die ‚Macht der Presse‘ nennt und was gleichzeitig unsere Verantwortung ist. Und wenn wir irgendwas als Unrecht empfinden, dann sagen wir, daß wir’s für ein Unrecht halten. Wir sind nämlich die einzigen, die für jemand eintreten können, auch für den armseligsten Menschen, wenn er nicht weiter weiß. Wenn er nirgendwo mehr Recht bekommt, dann bleibt ihm immer noch ein Ausweg: Ich schreib’ an meine Zeitung!“ – Der bescheidene Aufruf „Liebet einander“ nimmt sich aber verloren aus zwischen den sensationell aufgemachten Mordberichten und Schreckensmeldungen des Boulevardblattes, das dann aus der Rotationsmaschine kommt.

Dennoch, da sind ein paar Seitenhiebe auf unsere satte Gegenwart: die sitzen. Und das Milieu des Schwurgerichtssaales und des Zeitungshauses ist mit großer Wahrheit geschildert. So sieht man das nicht oft. Wenn auch mit Rücksicht auf die größte Allgemeinverständlichkeit die Typen auf den ersten Blick so bieder wie immer gewählt sind: der unsympathische Staatsanwalt, der halbsympathische Rechtsanwalt, der Mörder, der sich zu früh verrät, weil er so verklemmt und finster blickt. Selbst Hardy Krüger als der unschuldig Verdächtigte hat den Habitus eines Angeklagten so genau studiert, daß er in der Haltung perfekt den Typ des Gangsters nachahmt und abstrahiert, obwohl er in seiner Rolle keineswegs der Unterwelt zugehört. Aber gerade diesem jungen Schauspieler gelingt es – bei der behutsamen Führung des Regisseurs Weidenmann und der geglückten Photographie Ashleys – von dem frischen jungen Mann, der sich selbst spielt, zum Charakterdarsteller durchzubrechen, von dem noch einiges zu erwarten ist.

Einmal faßt die Kamera ein bedrängendes Bild, das mehr als die späteren Gespräche das Ausgeliefertsein eines einzelnen an den Apparat und die blinde Jagd nach Sensationen deutlich macht: als Menschen wie Ratten in den Gerichtssaal drängen und wimmeln.