Wie wir erwarteten, hat sich zu dem Artikel „Der Fall Anastasia“ von Felix Dassel in Nr. 52 der ZEIT nun auch die Gegenseite zum Wort gemeldet. Mit einem Beitrag des früheren Oberbürgermeisters von Berlin und jetzigen Präsidenten für Wirtschaftsforschung, Professor Friedensburg, geben wir ihr Raum zu einer Erwiderung. Das letzte Wort in einer so umstrittenen und komplizierten Frage zu sprechen, geht sicherlich über den Rahmen einer Artikel folge hinaus, doch glauben wir, daß der Fall Anastasia trotz seiner „romantischen“ Seite das Interesse der Öffentlichkeit verdient. Irgendwie scheint uns das Schicksal der Frau, die sich Anastasia nennt, ein echt russisches zu sein. Rußlands Geschichte ist ja reich an echten und falschen „Thronprätendenten“. Mord und Gewalt bereiteten auch dem falschen Demetrius den Weg. Ähnliche Gedanken mögen auch eine Französin, Marcelle Maurettè, und einen Engländer, Guy Bolton, bewogen haben, Anastasias Schicksal zum Thema eines Bühnenstücks zu machen. „Anastasia“ war einer der großen Erfolge der New Yorker Theatersaison des vergangenen Jahres und lief bereits über zahlreiche europäische Bühnen. Die 20th Century Fox ist dabei, den Stoff zu verfilmen. Das Recht, ihr Stück „Anastasia“ zu nennen, haben die Autoren von der Frau, die diesen Namen trägt (zu Unrecht, wie die einen sagen, mit vollem Recht, wie die anderen behaupten), erworben. Aber auch juristisch sind die Akten keineswegs geschlossen. Zwei bekannte deutsche Anwälte rechnen zuversichtlich mit dem schließlichen Sieg ihrer Mandantin.

Die Behauptung, die dritte Tochter des letzten Zaren, die Großfürstin Anastasia, sei bei der Ermordung der Zarenfamilie in Jekaterinburg am 16. Juli 1918 durch ein Wunder dem Tode entgangen, dann später aus Rußland hinausgeschmuggelt worden und lebe jetzt im Elend irgendwo in Deutschland, erscheint alle paar Jahre in der Presse und wird von romantisch veranlagten Leuten auch immer wieder geglaubt und durch allerlei einleuchtend klingende Angaben auch zu bestätigen versucht. Da ich mich um die Jahreswende 1925/26 als damaliger stellvertretender Polizeipräsident von Berlin dienstlich eingehend mit dieser Frage beschäftigt habe, bin ich in der Lage, mir hierzu eine sachlich begründete Ansicht zu bilden.

Die angebliche Großfürstin Anastasia tauchte Ende 1925 als „Frau von Tschaikowski“ in Berlin zum erstenmal auf. Sie hatte sich an die dänische Regierung mit der Bitte um finanzielle Hilfe gewandt. Die dänische Regierung bat das deutsche Auswärtige Amt um Aufklärung, da sich das dänische Königshaus – die Mutter des letzten Zaren war eine dänische Prinzessin – für den Fall leb-’ haft interessierte. Der damalige dänische Gesandte in Berlin, Herr Zahle, verhandelte hierzu mehrfach mit dem Reichsaußenminister Stresemann und mit mir; Stresemann, der dem Fall größte Bedeutung beimaß, bat mich in wiederholten Unterredungen, die Untersuchungen mit möglichster Zuverlässigkeit durchzuführen, da das Weiterleben eines direkten Nachkommens des letzten Zaren selbstverständlich, abgesehen von allen menschlichen Erwägungen, auch von größter politischer Bedeung sein konnte. Einstweilen war die angebliche Frau von Tschaikowski auf Kosten der dänischen Regierung in einem Berliner Privatkrankenhaus untergebracht worden, da sie offensichtlich schwer leidend war.

Die Untersuchung wurde von ausgesuchten Beamten des Berliner Polizeipräsidiums mit größter Sorgfalt längere Zeit durchgeführt. Die betreffenden Akten sind wohl mit dem Gebäude des Polizeipräsidiums zugrunde gegangen, so daß die nachfolgenden Angaben nach dem Gedächtnis gemacht werden müssen. Immerhin habe ich in meinem Privatarchiv einige Korrespondenzstücke und Abbildungen bewahrt.

Die Polizei stellte damals fest, daß der Name der Frau von Tschaikowski willkürlich angenommen worden war, daß die Betreffende lediglich Auskunft gab, soweit dies zur Erhärtung ihrer angeblichen Ansprüche nützlich sein konnte, aber die Auskunft verweigerte beziehungsweise sich als krank hinstellte, wenn Kontrollfragen gestellt wurden. Ferner stellte die Polizei fest, daß keinerlei Aufschluß über die Art und Weise zu erhalten war, in der sie nach Berlin gekommen sein konnte, daß sie Russisch nicht fließend beherrschte und daß keine Narben von Schuß Verletzungen an ihr zu beobachten waren. Außerdem war zu erkennen, daß „Frau von Tschaikowski“ kaum jünger als 40 Jahre war, während die Großfürstin Anastasia damals erst knapp 25 Jahre hätte alt sein können, und daß es sich nach Aussehen, Bildung, Betragen, Haltung unmöglich um eine Person handelte, die in Hofkreisen erzogen worden war. Da viele dieser Merkmale durch das erlittene Schicksal in gewissem Umfange hätten begreiflich gemacht werden können, fertigte die Polizei mehrere Aufnahmen an – dies übrigens unter großem Widerstand der angeblichen Frau von Tschaikowski –, um die Bilder Personen vorzulegen, die die Großfürstin Anastasia gekannt hatten. Niemand vermochte eine Ähnlichkeit festzustellen.

Ich selbst habe die betreffenden Aufnahmen der Burggräfin zu Dohna-Finckenstein vorgelegt, die mir aus meiner Landratszeit bekannt war, und deren Gatte, der General der Kavallerie Burggraf zu Dohna, bis zum Jahre 1914 als deutscher Generaladjutant am Zarenhofe tätig gewesen war. Auf Grund der Tradition der deutsch-russischen Freundschaft bestand bis zum ersten Weltkriege die einzigartige Einrichtung, daß der deutsche Kaiser und der russische Zar sich gegenseitig hohe Offiziere zuteilten. Die Burggräfin zu Dohna erklärte auf Grund der Aufnahmen, es sei ausgeschlossen, daß es sich um die Großfürstin Anastasia handle, die sie genau kannte. Das Schreiben befindet sich in meinem Archiv. Überdies überließ mir die Burggräfin zu Dohna zwei in ihrem Besitz befindliche Photographien, von denen die eine die ganze Zarenfamilie, die andere die Großfürstin Anastasia allein wiedergab, um auch mich von dem letzten Rest des Zweifels zu befreien. Sie wies im übrigen darauf hin, daß es nach den verschiedenen voneinander unabhängigen Berichten über die Ermordung der Zarenfamilie von vornherein völlig unglaubhaft sei, daß irgendein Mitglied der Familie dem Verderben habe entrinnen können.

Die Berliner Polizei kam jedenfalls zu der eindeutigen Feststellung, daß die sogenannte Frau von Tschaikowski keinesfalls die frühere Großfürstin Anastasia sein konnte. Angesichts der unüberwindlichen Schwierigkeiten bei der Vernehmung der körperlich und geistig kranken Person ließ man es dahingestellt, ob sie eine bewußte raffinierte Schwindlerin oder eine Hysterikerin oder eine unter dem Einfluß Dritter handelnde Person von schwachem Willen war. Es fiel auf, daß „Anastasia“ gewisse Angaben machen konnte, die eine intimere Kenntnis der Verhältnisse in der Zarenfamilie voraussetzten. Die Annahme, daß sie sich bei irgendeiner Kammerfrau oder dergleichen erkundigt hatte, gab jedoch eine mühelose Erklärung. Die Kenntnis von besonderen Details mag dann in der inzwischen verflossenen Zeit immer wieder den einen oder anderen Beobachter verblüfft haben, zumal sie sicherlich allmählich noch durch weitere Einzelheiten hat ergänzt werden können. Im übrigen entspricht es auch der polizeilichen Erfahrung, daß bei lange zurückliegenden Begegnungen nicht viel Beihilfe dazu gehört, um bei romantischen Menschen bestimmte Suggestionen in bezug auf persönliche Bekanntschaften hervorzurufen.

Die polizeiliche Untersuchung ist sieben Jahre nach der Ermordung, also zu einer Zeit erfolgt, als alle Erkenntnisquellen noch einigermaßen frisch zur Verfügung standen. Wenn das Ermittlungsverfahren damals mit einer klaren Ablehnung der Behauptungen der falschen Anastasia abgeschlossen hat, so ist es nicht aussichtsreich, jetzt, nach weiteren dreißig Jahren, eine andere Deutung zu versuchen. Allenfalls können die Betreffenden hoffen, daß auch eine Widerlegung der falschen Ansprüche jetzt schwieriger geworden ist. Um so wichtiger erscheint die Feststellung, daß sich damals alle Stellen, insbesondere auch der dänische Königshof, mit dem Ermittlungsergebnis der Berliner Polizei beruhigt haben. Meines Wissens haben auch die in Deutschland und im übrigen Westeuropa zahlreich tätigen zaristischen Gruppen niemals ernsthaft an das Wiederauftauchen der Großfürstin Anastasia geglaubt. Mag man bei den überlebenden Verwandten des ehemaligen Zaren noch für möglich halten, daß irgendwelche selbstsüchtigen Gründe die Anerkennung der sogenannten Anastasia verhinderten, so ist das bei den legitimistischen Weißrussen völlig unwahrscheinlich; im Gegenteil, ihre Sache würde einen erheblichen Auftrieb erhalten, wenn wirklich noch ein Kind des letzten Zaren lebendig unter uns weilte.