Paris, im Januar

Schon mancher antiparlamentarische Führer hat das republikanische Gemüt der Franzosen beunruhigt; Poujade ist nicht der erste. Aber alle jene Gefahren hatten ihr unverwechselbares Gesicht, vom Bart des schönen Generals Boulanger über das verkniffene Strebergesicht La Rocques und den Gargantua-Bauch Léon Daudets bis hin zur überlangen und etwas ungeschickten Gestalt jenes anderen Generals. Bei Poujade haben es die Karikaturisten schwer. Bisher haben sie sich damit ausgeholfen, einen jungen Mann mit weit aufgerissenem Mund und hochgekrempelten Ärmeln auf dem Rednerpult zu zeichnen. Den obligaten Strip-Tease des modernen Volkstribunen hat Poujade nämlich zu einer gut einstudierten Nummer ausgebaut. Er steigt mit Mantel und Halstuch auf die Tribüne, um mehr als bloß Jacke und Schlips ausziehen zu können, ehe er mit offenem Hemd die Parlamentarier der Hauptstadt anklagt, sie verschacherten das Vaterland an die Großunternehmer und die Konsumgesellschaften, an die "Zugewanderten" und die "geheimen Mächte". Und er versteht zu reden. Als er am 24. Januar 1955 auf dem Pariser Messegelände gut hunderttausend seiner Anhänger "zum Kochen brachte", gab ein älterer Kollege, der als Berichterstatter seit über dreißig Jahren an allen europäischen Brandherden Dienst tut, das Urteil ab: "Das ist seit Hitler der geschickteste Demagoge, den ich erlebt habe." Alle Register weiß Poujade zu ziehen von der jovialen Anrempelei und der etwas grobschlächtigen Ironie bis hin zum Brausen der in ihrer Ehre verletzten Volksseele, und das alles am richtigen Orte.

Aber das Gesicht dieses Mannes will sich nicht einprägen. C’est un gars bien de chez nous (ein Kerl wie wir) – sagen seine Anhänger. Er ist ein frischer, nicht unsympathisch wirkender junger Mann Mitte der dreißig, der deutlich absticht von den stiernackigen und etwas einschüchternden Gestalten seines Stabes, und dem sein leichter südlicher Akzent von vornherein Wohlwollen einbringt. Die Presse empfängt er gern unrasiert, in Schlafrock und Pantoffeln, als der verkörperte Français moyen. Und da zu diesem "durchschnittlichen Franzosen" auch der ausgeprägte Familiensinn gehört, begleitet ihn auf allen seinen Unternehmungen seine algerische Frau, die mit etwas starren, kugelrunden Augen den Saal überwacht und, wenn ausnahmsweise einmal ein Widersacher sich zu melden wagt, den so beschimpft, daß ihr Ohrgehänge klappert.

Madame Poujade ist überhaupt eine unentbehrliche Parteigängerin ihres Mannes. Ihre bessere Schulbildung, ihre Herkunft aus einer französischen Siedlerfamilie in Algerien, ihr Antisemitismus und ihr Nationalismus lieferten wichtige Beiträge zum kläglichen politischen Rüstzeug der Bewegung. Als im Sommer vergangenen Jahres die Parlamentarier in Paris sich schon in der Hoffnung wiegten, durch einige Steuerkonzessionen Poujade die Grundlage für seinen Erfolg – Unzufriedenheit – entzogen zu haben, kam dieser plötzlich mit zwei eigenen Zeitungen – Union und Fraternite – heraus, in denen er den "Juden Grandval" und jede Nachgiebigkeit gegenüber den Arabern in Nordafrika heftig angriff, den "von Amerika angezettelten internationalen Verschwörungen" alle Schuld am Unglück Frankreichs zuschrieb und eine kuriose Mischung von gesundem Menschenverstand und gefährlich demagogischen Hetzartikeln (oft aus der Feder von Madame Poujade) verbreitete.

Dieselbe kuriose Mischung von sympathischen und gefährlich verschwimmenden Zügen kennzeichnet auch die von Poujade geführte Bewegung selbst. Wer längere Zeit die französische Politik beobachtet hat, den erstaunt es wahrlich nicht, hin und wieder auf recht intensive antiparlamentarische Affekte zu stoßen. Und der "kleine Mann", der ein winziges Ladengeschäft oder ein Bistrot führt, und der von dem Papeteriebesitzer Poujade so wirkungsvoll vertreten wird, gehört zu den Eigentümlichkeiten, die uns das Frankreich von Marius und Fanny so liebenswert machen. Die geistige Verschwommenheit der "Bewegung von St. Céré" – wie der Poujadismus nach seines Führers Geburtsstädtchen genannt wird – läßt aber erkennen, daß gerade diese Schicht so sehr gewuchert ist (ein Spezereiwarengeschäft auf 60 Einwohner!), das die Freude an ihrem Charme verlorengeht und die Angelegenheit für das Land lebensgefährlich wird. In der Programmlosigkeit und den Gewaltakten des Poujadismus enthüllt sich sein Notwehrcharakter: er vertritt eine soziale Schicht, die nur noch durch unablässige Subventionierung von Seiten des Staates (und damit auf Kosten der kleinen Gehaltsempfänger) am Leben erhalten wird und die diesen unmöglichen Zustand durch die Beschwörung der tugendhaften Provinz gegenüber dem verrotteten Sündenpfuhl der Hauptstadt zu überdecken sucht.

Das Programm Poujades reduziert sich bei näherem Zusehen auf drei Punkte. Erstens sollen, wie zur Zeit der Französischen Revolution, die Etats Généraux (Generalstände) einberufen werden, wodurch die vier "produktiven" Schichten der Gesellschaft – die Arbeiter, die Bauern, die freien Gewerbetreibenden und die freien Berufe – ihre (Geld-) Forderungen an den Staat durchsetzen wollen. Wer aber soll bezahlen? Nun, zweitens soll nicht bloß der parlamentarische Apparat, sondern auch die überdimensionierte Verwaltung stark reduziert werden. Worüber sich immerhin reden ließe, wenn das allein auch keineswegs die Subventionierung des hypertrophierten Mittelstandes ermöglicht. Drittens aber – und hier tritt der sinnlosanarchische Zug des Poujadismus deutlich an die Oberfläche – sollen die Großunternehmungen, in denen man nur Parasiten sieht, geschröpft werden. Dabei weiß jeder Kenner der französischen Volkswirtschaft, was dieses Land konkurrenzunfähig macht: Der ins Kraut geschossene und in Kleinstaktionen sich verzettelnde Mittelstand hat ja gerade die Bildung einer genügenden Zahl von Großunternehmungen, welche den modernen Produktionsanforderungen gewachsen wären, verhindert....

Die Kammerwahlen haben den Sieg nicht Mendés-France, dem Verfechter des befreienden "Produktionsstoßes", sondern Poujade, dem Verteidiger einer absinkenden und wie Blei auf dem Lande lastenden Schicht zugeschanzt. Einem Manne, der sich jahrelang als Vertreter durchschlug, dann durch den Verkauf von Ansichtskarten an die Touristen seine vier Kinder zu ernähren suchte, bis er den – für Frankreich so typischen – Einbruch in die Politik versuchte. Armin Mohler