Am 21. Januar 1956 vollendet Professor Dr. Robert Bierich, der langjährige Direktor des Instituts für Krebsforschung im Universitätkrankenhaus Hamburg-Eppendorf sein 80. Lebensjahr. Dieser Anlaß lenkt die Aufmerksamkeit auf das Hamburger Krebsinstitut, das 1913 gestiftet wurde und 1949 wegen der durch Krieg und Währungsreform erlittenen Verluste seine Arbeit einstellen mußte. Angesichts der ständig wachsenden Bedeutung der amerikanischen Forschungsinstitute in Stiftungsform für die amerikanische und internationale Wissenschaft scheint es uns wichtig, an die deutsche Tradition auf diesem Gebiet einmal wieder zu erinnern.

Das Hamburger Krebsinstitut wurde 1913 von dem Reeder I. C. Stülcken und gleichgesinnten Freunden gestiftet. Es bildete eines von mehreren Stiftungsinstituten, die später zum Teil vom Staat übernommen wurden und im Universitäts-Krankenhaus Eppendorf aufgingen. Die Stiftung bestand aus einem Gebäude mit Laboratorien und Bibiliothek sowie aus Instrumenten, Apparaten und sonstigem Inventar. Ferner wurde das Institut mit einem Umlaufvermögen in Form von Bargeld, Wertpapieren und Radium ausgestattet, dessen Erträgnisse zur Bestreitung der laufenden Unkosten bestimmt waren. Die Leitung des Instituts wurde damals dem vom Heidelberger Krebsinstitut berufenen Professor von Dungern übertragen, der in den Jahren 1913/1914 in Hamburg eine Reihe bedeutender Untersuchungen zur Serodiagnostik des Krebses ausführen konnte. Diese Arbeiten mußten mit Ausbruch des Krieges unterbrochen werden.

Als das Krebsinstitut im Jahre 1920 seiner eigentlichen Bestimmung unter der Leitung des neuberufenen Professors Bierich zurückgegeben wurde, hatte es zuerst eine schwere finanzielle Krisis durchzumachen, da Bar- und Wertpapiervermögen des Instituts durch die ansteigende Inflation substanz- und ertragsmäßig entwertet wurden. In dieser schwierigen Situation ersuchte man 1925 den Hamburger Staat um einen Jahreszuschuß zur Fortführung der Arbeit, der zur Hälfte der damaligen Unkosten gewährt wurde.

Die Forschungen des Instituts in den folgenden Jahren waren erfolgreich. Auf theoretischem Gebiet gelangen Bierich und seinen Mitarbeitern wesentliche Entdeckungen bei der Erforschung des anaeroben Stoffwechsels des Krebsgewebes und bei Untersuchungen zur Vererbung der Krebsdisposition. Auf praktischem Gebiet gelang es, einen Indikator für die durchschnittliche Lebenserwartung Krebskranker zu finden. Ferner konnte die „Nachgehende Krebsfürsorge“ eingerichtet werden, die später von den Gesundheitsbehörden der Länder übernommen wurde und sich noch heute bewährt.

Das Institut wurde 1943, durch Bomben völlig zerstört. Die Arbeit konnte in anderen Räumen wieder aufgenommen werden. Das Kriegsende und die Währungsreform brachten die zweite finanzielle Krisis. Der in Schatzanweisungen angelegte Vermögensteil wurde wertlos, die privaten und staatlichen Zuschüsse hörten auf. In dieser Notlage wandte man sich erneut an den Hamburger Senat mit der Bitte um Überbrückung, bis die Privatwirtschaft ihre früheren Beiträge wieder aufnehmen könnte. Aber der Staat war zur Unterstützung nur bei Aufgabe der vom Stifter in den Statuten geforderten Unabhängigkeit des Instituts bereit, indem er die Angliederung an eine der staatlichen Kliniken forderte. Unter diesen Umständen beschloß der Verwaltungsrat 1949 die Einstellung der Arbeiten.

Nicht alle Institute hatten das Unglück, daß ihre Anlagen durch Bomben oder Kampfhandlungen zerstört wurden. Aber ihnen war allen gemeinsam, daß sie ihre Unkosten aus Vermögenserträgnissen und freiwilligen Beiträgen von Stiftern zu bestreiten hatten, die beide durch Krieg und Währungsreform entweder ganz versiegten oder auf einen Bruchteil reduziert wurden.

Um so mehr erscheint die hier am Fall des Krebsinstituts exemplifizierte Entscheidung des Staates, die Notlage der Stiftungen nicht oder nur unter Aufgabe ihrer Unabhängigkeit zu überbrücken, als eine schwere Unterlassungssünde. Denn wir brauchen Stiftungen zur Entlastung und Ergänzung der staatlichen Institute. Die Notwendigkeit der Entlastung und Unterstützung ist offenbar. Man braucht nur an das ungeheure Arbeitsvolumen zu denken, das heute von den Forschungsinstituten der amerikanischen Stiftungen, den Rockefeller-, Ford-, Carnegie-Foundations zum Beispiel, übernommen worden ist.

Die Notwendigkeit der Ergänzung der staatlichen Forschungsarbeit ist ebenso groß. Der Staat ist in der Regel kein großzügiger Geldgeber. Er macht von seinem Recht, als Geldgeber mitzusprechen und mitzubestimmen, für gewöhnlich mehr Gebrauch als der private Stifter. Da er aber an die Stelle der Person des Stifters die langsam und umständlich arbeitende Hierarchie der wissenschaftlichen Beamten setzt, bedingt dies oft genug ein erhebliches Maß von Unfreiheit der Forschung. Die privaten Stiftungen spielen für die Forschung dieselbe Rolle wie das Mäzenatentum für die Kunst. Sie sind zur Entlastung und Ergänzung der staatlichen Institutionen unentbehrlich, m. h.