von Gert P.Spindler

Der folgende Artikel ist als Fortsetzung jener Gedankengänge gedacht, die aus der Feder des gleichen Autors in unserer Ausgabe 5211955 („Der Betrieb – eine Errungenschaftsgemeinschaft“) angesprochen wurden und die mit einem dritten Aufsatz abgeschlossen werden sollen.

Am 1. Januar 1956 jährte sich zum fünften Male der Tag, an dem in den Paul-Spindler-Werken in Hilden, einem Unternehmen der Textilindustrie mit über 2000 Mitarbeitern, die auf mehrere Werke verteilt sind, unter der Bezeichnung „Mitunternehmertum“ ein betriebliches Partnerschaftsverfahren eingeführt wurde. Dieser Anlaß rechtfertigt es, einen Zwischenbericht zu geben, inwieweit die hier praktizierte neue Form der Zusammenarbeit geeignet ist, soziale Spannungen zu beseitigen, die das Wirtschaftsleben so sehr beunruhigen.

Das institutionelle Kernstück der mitunternehmerischen Partnerschaft ist der Wirtschaftsausschuß. Dieser setzt sich aus den jeweiligen Leitern der einzelnen Werke und ihren Betriebsratsvorsitzenden sowie einer Anzahl von Personen zusammen, die im Jahre 1951 in folgender Weise von der Belegschaft gewählt worden sind: Ausgehend von der Gliederung der Werkstätten wurden Arbeitsgruppen von zehn bis zwölf Mitarbeitern zusammengestellt, die aus ihrem Kreis einen sogenannten Verbindungsmann wählten. Zehn Verbindungsleute nominierten dann aus ihrem Kreise ein Mitglied des Wirtschaftsausschusses. Um zu einer Konstanz in der Arbeit zu kommen, wurden die Repräsentanten der Belegschaft für die Dauer ihrer Betriebszugehörigkeit gewählt. Sie können jedoch von ihren Wählern abberufen werden, sofern diese dafür einen Anlaß haben. Ein Gegenkandidat ist bei dieser Gelegenheit zu präsentieren. Der Wirtschaftsausschuß, der in seiner Zusammensetzung über den im BVG (Betriebsverfassungsgesetz) gesteckten Rahmen hinausgeht, tritt in der Regel viermal im Jahre zusammen, um Fragen der allgemeinen Geschäftspolitik, wie Kalkulations- und Preisgestaltung, Marktfragen, Organisations- und Investitionsprobleme zu diskutieren. Vor der jeweiligen Sitzung wird allen Ausschußmitgliedern eine Vorinformation über die einzelnen in der Sitzung zu behandelnden Fragen gegeben, damit sie diese in ihrem Mitarbeiterkreise vorklären können.

Im Laufe der Jahre hat es sich als zweckmäßig erwiesen, die Ausschußmitglieder auf gewisse Gebiete zu spezialisieren, damit sie urteilsfähiger werden und damit die Arbeit produktiver wird. So besteht eine Bilanzkommission, deren fünf Mitglieder bei einem außerbetrieblichen Institut einen Kursus für Bilanzkunde mitgemacht haben und denen die Prüfung des Jahresabschlusses – ans dem sich im übrigen auch die Ertragsbeteiligung errechnet – obliegt. Erst wenn in diesem Kreise der Jahresabschluß im einzelnen behandelt worden ist, wird er dem Wirtschaftsausschuß zur Kenntnis gegeben und alle noch auftauchenden Fragen werden dann dort beantwortet. Ferner sind in verschiedene Beratungsgremien der Unternehmensleitung einige Wirtschaftsausschußmitglieder delegiert, so etwa in den Beirat, der sich in unregelmäßigen Abständen zur Festlegung der allgemeinen Unternehmenspolitik zusammenfindet, in den Finanzausschuß, der monatlich zusammentritt, um die Finanzlage und die sich daraus ergebenden Maßnahmen zu beraten (Aufstellung eines langfristigen Finanzplanes) und in den Dispositionsausschuß, der die Produktion in enger Zusammenarbeit mit den Verkaufsleitungen plant.

In neuerer Zeit hat die Unternehmensleitung zwei weitere Partnerschaftsgremien gebildet, und zwar eine Kommission für Investitionsfragen und eine für Qualitäts- und Verkaufsprobleme. Der ersteren wird der jeweilige Investitionsplan vorgelegt, der aus den Anforderungen der einzelnen Werke von der Geschäftsleitung zusammengestellt wird. Wirtschaftlichkeitsberechnungen für einzelne größere Investitionsvorhaben werden gleichfalls gegeben. Die Aufgabe des Ausschusses ist es, den endgültigen Plan nach den finanziellen Möglichkeiten und der Vordringlichkeit zusammenzustellen. Ihm wird nach Durchführung der Investition, in einer zweiten Wirtschaftlichkeitsberechnung darüber Aufschluß erteilt, ob der vorveranschlagte Rationalisierungserfolg eingetreten ist. Die einzelnen Mitglieder des Investitionsausschusses gelten in ihren Betrieben als Investitionsbeauftragte der Belegschaft, die bei der Aufstellung und Montage der neuen Maschinen beratend hinzugezogen werden. Der Qualitäts- und Verkaufsausschuß besteht aus Wirtschaftsausschußmitgliedern der einzelnen Werke, und sie gelten dort als Qualitätsbeauftragte, die in die Behandlung der auf diesem Gebiet auftauchenden Probleme eingeschaltet werden. Der Ausschuß tritt im Bedarfsfalle zusammen, insbesondere dann, wenn Fragen der Qualitätskontrolle einer prinzipiellen Entscheidung bedürfen, oder wenn neue Kontrollmethoden einzuführen sind. Mitglieder dieses Ausschuses nehmen auch an den regelmäßig stattfindenden Vertreterbesprechungen teil und lernen hierdurch unmittelbar die vom Markt zukommenden Probleme kennen. Die Besetzung der verschiedenen Ausschüsse aus dem Kreise der Wirtschaftsausschußmitglieder ist so erfolgt, daß möglichst eine Person nur in einem Gremium tätig ist und sich dadurch auf die hier anfallende Arbeit spezialisieren kann.

Der außenstehende Beobachter mag nun vielleicht meinen, daß ein so starkes Hinzuziehen der Mitarbeiterschaft zur Behandlung wichtiger betrieblicher Entscheidungen zu einer Lähmung der Unternehmerinitiative führt. In der Praxis erweist sich diese Vermutung als unrichtig. Die Diskussionen in den verschiedenen Ausschüssen sind in vielen Fällen außerordentlich fruchtbar, da hierbei Gesichtspunkte auftauchten, die bei einer Behandlung nur durch die leitenden Mitarbeiter kaum zutage treten. Auch die Unternehmerautorität im echten Sinne leidet keine Einbuße. Schließlich kann die Unternehmensleitung unabhängig von der Einstellung der Ausschußmitglieder ihre Entscheidungen treffen. In der Praxis wird sie sich das aber kaum leisten können; denn sie würde damit gegen das Prinzip der partnerschaftlichen Zusammenarbeit verstoßen und die Mitarbeit der Belegschaft in den Ausschüssen ein für allemal diskreditieren. Die Unternehmensleitung muß statt dessen die Mitarbeiter von der Richtigkeit ihrer Vorschläge überzeugen, und die Praxis hat den Beweis erbracht – selbst in den schwierigen Jahren der durch die Textilkrise bedingten Betriebseinschränkungen –, daß die Ausschußmitglieder oft bereiter sind, wirtschaftliche Notwendigkeiten anzuerkennen und sich für die entsprechenden Maßnahmen einzusetzen als die lediglich auf Dividende ausgehenden Gesellschafter und Aktionäre in vielen anderen Unternehmungen. Natürlich wächst eine fruchtbare Zusammenarbeit erst im Laufe von Jahren.