Während die Mehrzahl der Aktienwerte in Übereinstimmung mit der unsicheren Weltbörsentendenz in der vergangenen Woche um mehrere Punkte zurückfiel, traten die Renten in eine neue Phase. Nachdem die Ausgabe der in ihren Bedingungen aufsehenerregenden bayerischen Schatzanweisungen einen spürbaren Druck – namentlich auf die öffentlichen Anleihen – ausgeübt hatte, führte das Angebot des Bundesfinanzministers an die Länder, ihnen unter Umständen langfristiges Geld zu annehmbaren Konditionen zur Verfügung zu stellen, zu einem Umschwung. Als nämlich feststand, daß sich das günstige Geschäft mit Länderschatzanweisungen, wie im Falle Bayern und Rheinland-Pfalz, nicht so bald wiederholen läßt, drängten die für diese Zwecke zurückgehaltenen Mittel auf der Geldmarkt und in die öffentlichen Anleihen, bei denen die Rendite (mindestens 5 v. H. steuerfrei) immer noch recht erfreulich ist. Die Beibehaltung des gegenwärtigen Diskontsatzes tat ein übriges, um den festverzinslichen Papieren festeren Boden unter die Füße zu geben.

Die BdL nutzte die Situation insofern aus, als sie die Kurse der von ihr betreuten Anleihen heraufsetzen ließ. Aber selbst auf der erhöhten Basis befriedigte sie die Nachfrage nicht voll. So kam die 5 v. H. Bundesanleihe zum Wochenschluß zu einer Notiz von „100 1/4 v. H. rep. G“. Die 6 v.H. Anleihe der Dt. Reichsbahn stellte sich am gleichen Zeitpunkt auf 101 1/4 u. G. Der Anleihemarkt erwies sich also als unmittelbarer Nutznießer der aufgelockerten Geldmarktlage. Pfandbriefe und Industrieobligationen blieben ziemlich unverändert.

Dem Aktienmarkt war hingegen in der letzten Woche nicht zu helfen, obgleich es an anregenden Nachrichten nicht fehlte. Da waren die Dividendenerhöhungen von AEG und Siemens, die erfreulichen Produktionsergebnisse von GHH-Nürnberg und Hoechst, einige angekündigte Kapitalerhöhungen und nicht zuletzt das zu erwartende Angebot der Ilseder Hütte, sich wieder mit der Industrie- und Handels-AG zu vereinigen. Das Geschäft blieb klein, und ein im Betrag begrenztes Angebot wirkte sich in Einbußen aus, die nur aus der markttechnischen Situation zu verstehen sind. Leider erscheint das Ausland meist immer noch als Verkäufer auf den deutschen Wertpapiermärkten.

Als bedauerlich wurde der fortlaufende Rückgang bei den Farbwerken Bayer (296 bis 247 1/2 v. H.) empfunden. Es macht einen schlechten Eindruck, wenn der Kurs einer Gesellschaft, die unmittelbar vor einer Kapitalerhöhung steht, in dieser Form gedrückt wird. Dadurch wurden die Papiere der übrigen IG-Farben-Nachfolger in Mitleidenschaft gezogen. Die Verkäufe dienten übrigens auch der Umgruppierung, die mancher Aktionär im Hinblick auf die Zeichnung junger Bayer-Aktien vornehmen muß, Auf einer Pressekonferenz der Farbwerke Hoechst wurde nun endlich bestätigt, was in Börsenkreisen längst bekannt war, daß sich die drei großen IG-Farben-Nachfolger um die Majorität bei Cassella „bemüht“ haben. Die Aufkäufe erregten im vorigen Jahr beträchtliches Aufsehen, weil sie oft einen „Kampfcharakter“ trugen und den Cassella-Kurs bis über 500 v. H. (heute 372 1/2) hinauftrieben. Eine planvollere Durchführung dieser Aktion und ein Vermeiden von „gegeneinander“ wäre vermutlich erfolgreicher gewesen. Man sagt, daß Bayer bis vor kurzem mit 29 v. H., Bad. Anilin mit 26 v.H. und Farbwerke Hoechst mit 6 v. H. am Cassella-AK beteiligt waren. Inzwischen können sich hier noch Abrundungen ergeben haben.

Am Montanmarkt lagen die Werte der GHH-Gruppe am besten behauptet. Die Abschlußzahlen von GHH-Nürnberg haben beeindruckt; es wird bedauert, daß sich die Verwaltung-nicht zu einer Dividende durchringen konnte, die den Ertragsverhältnissen besser entsprochen hätte. Im Gegensatz zu den meisten anderen schwerindustriellen Papieren stiegen GHH-Nürnberg von 266 auf 233 v. H. Gelsenkirchener Bergwerk wurden um 160 v.H. gehalten. Nach wie vor finden hier bemerkenswerte Umsätze statt. Die Kaliwerke profitierten zeitweise von der vermehrten Wiedervereinigungsaktivität der Bundesregierung. Alle in diese Gruppe fallenden Gesellschaften haben größeren Besitz in der sowjetischen Besatzungszone. Nutznießer dieser politischen Faktoren waren daneben die IG-Farben-Liquis, die seit langer Zeit wieder unter 34 v. H. notierten, inzwischen jedoch leicht erholt sind.

In Bewegung blieben die Banken „reste“, die jedoch ihre Höchstkurse der letzten Wochen nicht ganz erreichen konnten. Die Aktien der Großbankennachfolger fanden Anlageinteresse, so daß hier der Trend nach unten kaum sichtbar wurde. Bemerkenswerterweise sind Zweifel darüber aufgetaucht, ob die Großbanken-Nachfolger ihre Dividenden erhöhen werden. Daß in den Jahresabschlüssen 10 v.H. Dividende „drin“ sind, steht wohl außer Zweifel; die Nachfolgeinstitute sollen sich aber wegen der Auswirkungen der Kreditrestriktionen noch nicht schlüssig sein, ob sie über den vorjährigen Dividendensatz von 9 v. H. hinausgehen. Als einer der ersten Bankabschlüsse ist traditionsgemäß mit der Bilanz der Vereinsbank in Hamburg zu rechnen, der mit Spannung entgegengeblickt wird, weil unter Umständen ein Bonus zu erwarten ist (die Bank feiert in diesem Jahr ihr 100jähriges Bestehen). Reichsbank-Anteile blieben mit Kursen, die knapp unter 60 v. H. lagen, vernachlässigt. Die Auffassung des Finanzausschusses des Bundesrats, nach der die Reichsbahn-Anteile wie RM-Obligationen zu behandeln und 100 : 6,5 umzustellen sind, wird in Börsenkreisen als ein übler Scherz aufgefaßt.

Bei Bekula rechnet man jetzt mit der Genehmigung für die Kapitalerhöhung. Der Kurs stieg daraufhin von 16? auf 173 v.H. Auch bei der HEW scheint sich jetzt das Dunkel über die kommende Finanzpolitik zu lüften. Der Vorsitzende der Hamburg-Block-Fraktion in der Bürgerschaft, Wilhelm Güssefeld (ehemals Vorstandsmitglied der Hypothekenbank in Hamburg), umriß kürzlich den neuen Vertrag zwischen der HEW und dem Hamburger Senat, der eine Senkung der Konzessionsabgabe und den Fortfall der Übernahmeklausel vorsieht. Die Gesellschaft hat dafür Tarifsenkungen durchzuführen. Mit dem neuen Vertrag wird der Weg für eine Kapitalerhöhung frei. Genannt wird eine AK-Verbreiterung um 75 Mill. DM (Bezugsrecht 2:1, Ausgabekurs wird von der Kapitalmarktlage abhängen). Die Durchführung kann sich aber unter Umständen noch bis 1957 hinauszögern. - ndt