Die Bundesrepublik und die Sowjetzone, die gemeinsam in Cortina vertreten sind, können durchaus zufrieden sein. Ossi Reicherts Sieg im Riesen-Slalom der Damen, mit dem die Sonthofenerin die Goldmedaille holte, war die Sensation des ersten Drittels der VII. Olympischen Winterspiele in Cortina d’Ampezzo. Die Freude im deutschen Lager war sehr groß. Unter den Gratulanten, die Telegramme schickten, waren der Staatspräsident der DDR, Wilhelm Pieck und sein Ministerpräsident Otto Grotewohl. Blieben uns auch weitere Medaillen bislang versagt, so zeigten unsere Wintersportler und Wintersportlerinnen teilweise ausgezeichnete Leistungen. Unsere Eishockeyspieler, denen viele kaum eine Chance gaben, gelangten nach einem verdienten 7:0-Sieg über Österreich, einem Unentschieden von 2:2 gegen Italien, das mehr kanadische als einheimische Spieler in seiner Mannschaft hatte, und einer gerechten 0 : 4-Niederlage durch Kanada in die Endrunde des olympischen Turniers. Bislang schnitten am besten die Russen ab, die bereits drei Goldmedaillen gewannen. Grischin siegte im Eisschnellauf über 500 Meter, Schilkow holte sich den 5000-Meter-Lauf, und Ljubova Kosyrewa gewann im 10-km-Skilanglauf der Damen. Die zweitbeste Nation ist Österreich, das durch Toni Sailer eine Goldmedaille im Riesen-Slalom der Herren und gleichzeitig die silberne und bronzene Medaille gewann. Finnland konnte durch Veikko Hakulinen den Sieg im 30-km-Skilanglauf nach Hause bringen, und Italien siegte im Zweier-Bobrennen.

Cortina d’Ampezzo, im Januar

Der kleine Winterkurort Cortina d’Ampezzo zeichnet sich eigentlich durch nichts von vielen anderen Winterkurorten aus. Er ist gar nicht so leicht zu finden. Jetzt haben Tausende von Gästen den Weg dorthin gefunden, um bei den Olympischen Winterspielen, an denen etwa 1500 Skiläufer, Springer, Schlittschuhläufer und Eishockeyspieler aus der ganzen Welt, von Bolivien bis Korea, teilnehmen, dabei zu sein. In Cortina wimmelt es – von den Wintersportlern, von Soldaten, die die Bahnen aufbauen und in Ordnung halten, von ungezählten Touristen, von an die tausend Journalisten (und jeder zweite, den man fragt, scheint von den Illustrierten Time und Life zu kommen). Außerdem gibt es eine Armee italienischer Fernseh- und Filmtechniker und einen Mann, der sich als Bär verkleidet hat.

Und doch ist Cortina wohl der ruhigste Winterkurort in ganz Europa. Die Teilnehmer an den Wettkämpfen werden von ihren Betreuern vor zehn Uhr ins Bett geschickt. Und die Zuschauer sind von der Bergluft und den weiten Strecken, die sie zwischen den verschiedenen Kampfbahnen zurücklegen müssen, so ermüdet, daß auch sie abends nicht mehr viel unternehmen können; die Journalisten sind vom frühen Aufstehen und von der ungewohnten Verpflichtung, den ganzen Tag spazierenzugehen, erschöpft. Sobald die Eishockeyspiele am Abend vorbei sind, leeren sich die Straßen, und die Orchester in den Hotels finden nur wenige Zuhörer. Die russische Eishockeymannschaft allerdings darf lange aufbleiben. Die Leute leben wie die Kellner: nachts um eins gehen sie zu Bett und frühstücken morgens um elf. Diese Routine erlaubt ihnen, auch Abendspiele durchzuführen, ohne sich umstellen zu müssen.

Die Stimmung in der Stadt ist so etwa wie in den Vereinten Nationen während ihrer hoffnungsfrohen Anfänge: einer behandelt den anderen mit einem aus Schuldgefühl entspringenden Übermaß an Höflichkeit und hofft, auf diese Weise die Siegesbegier, die in ihm tobt, zu überspielen. Trotzdem muß jedem auffallen, daß das, was Baron Coubertin, der Begründer der modernen olympischen Spiele, einmal gesagt haben soll, heute genau danebentrifft: daß es nämlich bei den Olympischen Spielen nicht die Hauptsache sei, zu siegen, sondern mitzumachen. Die Hauptsache in Cortina ist – und daran gibt es gar keine Zweifel –: zu siegen!

Paradoxerweise werden alle Teilnehmer aus den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang – den Ländern also, wo gegen den „olympischen Geist“ noch mehr als anderswo gesündigt wird – mit ganz besonders ausgesuchter Höflichkeit behandelt. Nicht immer werden die Deutschen oder die Engländer frühmorgens auf der Bobrennbahn begrüßt; aber wenn die Polen kommen oder die Rumänen, dann stürzt jeder auf sie zu, um schön „Guten Morgen“ zu sagen. Und wenn gar ein Amerikaner einen Russen trifft, dann geht es nie ohne großes Händeschütteln ab, und die Vereinsabzeichen werden ausgetauscht.

Überhaupt sind natürlich die Russen die große Attraktion dieser Winterspiele. Sie wohnen, auf eigenes Ersuchen, eine halbe Stunde entfernt in einem hellgrünen Hotel am Berghang, sechshundert Meter über Cortina. Auf diese Weise haben sie nicht nur ihre Ruhe, sondern sie akklimatisieren sich dadurch auch an eine noch dünnere Luft als die, in der die Wettkämpfe stattfinden. Sie tragen dreiviertellange blaue Jacken, blau-weiße Wollschals, Pelzkappen oder Wollhauben und dicke, traurig dreinsehende Schuhe. Als russische Skifahrer zum erstenmal an europäischen Meisterschaften teilnahmen, trugen sie oft eine Art Wickelgamaschen, wie sie in anderen Ländern zu Anfang des Jahrhunderts noch getragen wurden. Das haben sie jetzt aufgegeben. Statt dessen imitieren sie die Amerikaner: einen Photoapparat um den Hals geschlungen und in wild karierten Floridahemden mit offenem Kragen. Zur allgemeinen Überraschung haben die Russen auch für einen oder zwei Wettbewerbe Meldungen abgegeben, wo ihre Gewinnchancen gleich null sind.