Von Paul Hühnerfeld

In der Tat“ – so schreibt Diderot 1751 im programmatischen Vorwort zu seiner berühmten Enzyklopädie – „in der Tat ist das Ziel einer Enzyklopädie, die über die Erdoberfläche verstreuten Erkenntnisse zu sammeln; ihr System den Menschen, die mit uns leben, darzulegen und es den Menschen, die nach uns kommen, zu überliefern; damit die Arbeiten der vergangenen Jahrhunderte ... keine unnützen gewesen sind; damit unsere Enkel, da sie besser unterrichtet sein werden, gleichzeitig tugendhafter und glücklicher werden, und damit wir nicht sterben, ohne der Menschheit gedient zu haben.“

Nirgendwo ist das Ziel einer Enzyklopädie klarer formuliert worden, nirgendwo ist ein derartiges Werk diesem Ziel so nahe gekommen wie das Diderots und seiner Mitarbeiter. Enzyklopädien (ein Name, der sich aus dem Griechischen herleitet und wörtlich übersetzt „Kreis der Bildung“ bedeutet – wobei das griechische Wort „Paideia“ allerdings Bildung, nicht im Sinn bloßen Einzelwissens, sondern als Persönlichkeitsbildung durch Philosophie meint – Enzyklopädien also gibt es, seit es diese Liebhaber der Wissenschaft gibt. Angeblich soll schon Speusippos, ein Schüler Platons, das erste enzyklopädische Werk verfaßt haben; Varro und Plinius bei den Römern, Martianus Capeila im Mittelalter schufen Zusammenfassungen über den Stand der Erkenntnisse ihrer Zeit. Aber erst mit dem Erwachen des emanzipierten Geistes der Neuzeit – mit Bacon, Hobbes, Descartes und Leibniz – bekommt die Enzyklopädie ihren spezifisch modernen Charakter. War sie vorher Hilfsmittel zur Kenntnis der Welt Gottes (die für den Menschen freilich auch ohne diese Kenntnis die Welt Gottes blieb), so tritt sie nun an die Stelle theologischer Texte, wird zum Kompendium der neuen Wissenschaften, die – so tolerant sie sich auch geben – in Wirklichkeit viel dogmatischer sind (und sein müssen!) als jede Theologie. Nicht mehr nur zu: Belehrung – nein, auch damit man „tugendhafter“ wird, studiert man nun eine Enzyklopädie.

Gilt dies auch noch heute? Wenn es gilt – wie muß dann eine Enzyklopädie aussehen, damit der Mensch zuerst moralischen Nutzen von ihr hat: Oder gilt dies heute nicht mehr? Was für einen Nutzen hat dann heute eine Enzyklopädie und wie muß sie aussehen? – Es ist sehr fraglich, ob sich der Herausgeber Ernesto Grassi und der Verleger Ernst Rowohlt von

Rowohlts Deutscher Enzyklopädie – bisher 10 Einzelbände zu je 1,90 DM (Rowohlt Verlag, Hamburg)

diese Fragen überhaupt gestellt, geschweige denn, ob sie eine klare Vorstellung von der Antwort haben, die auf diese Fragen folgen müßte.

Ja, angesichts der ersten zehn Bände muß man sich sogar fragen, ob diese beiden sonst so hervorragenden Männer als Verleger und Herausgeber einer Enzyklopädie die erforderlichen Tugenden besitzen. Ihnen haftet nämlich als schönste Eigenschaft ein ganz einmaliges Temperament an: daß sie mit frischem Zugriff Dinge packen, die kein anderer anfaßt, daß sie, ohne Scheu, ja manchmal mit Unbekümmertheit, Probleme aufgreifen, von denen jeder andere vorher weiß, daß man sich an ihnen die Finger verbrennt. Das sind Eigenschaften, die den Verleger befähigen, kühne Bücher herauszugeben (und Rowohlt tat das Dutzende Male) und die einen Gelehrten dazu prädestinieren, unkonventionelle Bücher zu schreiben (Grassi tat dies mit den „Südamerikanischen Meditationen“). Aber sind gerade dies die Merkmale eines Enzyklopädisten? Sollte sich ein solcher Sammler nicht vielmehr durch Geduld, Ruhe, eine gewisse Temperamentlosigkeit – die nicht Phlegma bedeutet, sondern sondierenden Abstand von den Dingen – auszeichnen? Wer die ersten zehn Bände in den Händen hält, kann sich des Eindrucks des Zufälligen in Verlag und Herausgabe nicht enthalten. Das beginnt schon mit dem Titel „Deutsche Enzyklopädie“, wobei sich das „Deutsche“ offenbar lediglich darauf bezieht, daß diese Bücher in Deutschland verlegt werden und in deutscher Sprache erscheinen.