Uraufführung von „Magnus Garbe“ in Düsseldorf

Ein Jahrzehnt nach Gerhart Hauptmanns Tod wird erstmals eine Tragödie aufgeführt, die vor vier Jahrzehnten geschrieben worden ist, ein abgeschlossenes Originalwerk Hauptmanns, das vom Dichter selbst der Bühne vorenthalten wurde. Bezeichnend ist das Jahr der Buchveröffentlichung 1942. Im Jahr zuvor war die „Iphigenie in Delphi“ vom Berliner Staatstheater uraufgeführt worden. Wer damals Ohren hatte, zu hören, was unerwünscht war, der erschauerte bei dem Aufstand des fast achtzigjährigen Dichters gegen die entartete Zeit. Auch „Magnus Garbe“ ist ein Werk der Ahnung und des Grauens vor drohenden Katastrophen. 1914/15 entstand diese Tragödie in Santa Margherita, in Bayreuth und Agnetendorf. Was den Dichter an der Schwelle des ersten Weltkriegs und auch später bewog, ein so ausgeformtes Werk der Bühne überhaupt zu entziehen: man weiß es nicht. Man wird – von Hofmannsthal abgesehen, dessen „Bergwerk zu Falun“ eine Parallele fast fünfzigjähriger Verborgenheit bildete – kaum einen modernen Autor finden, der so wenig auf die Öffentlichkeit erpicht ist. Hauptmann hat 46 Bühnenstücke hinterlassen, mehr als Shakespeare. Und da der ausgedehnte Nachlaß noch immer nicht veröffentlicht wurde, ist die Uraufführung von „Magnus Garbe“ vielleicht noch nicht die letzte Hauptmann-Premiere.

Die Premiere, um die sich auch Berlin und Zürich bemühten, fiel dem Düsseldorfer Schauspielhaus zu. Karl Heinz Stroux war stolz auf diese außerordentliche Gelegenheit. Er wollte seine Intendantenära damit eröffnen. Es waren wohl nicht nur Besetzungshemmnisse, die den Aufführungstermin wiederholt bis zum 4. Februar 1956 verschoben. Stroux bekam eine Gegenströmung besonders aus katholisch-kirchlichen Kreisen zu spüren. „Magnus Garbe“ ist nämlich ein Inquisitionsdrama, das sich auf historische Fakten in einer reichsfreien Stadt des 16. Jahrhunderts stützt. Die Schonungslosigkeit, mit der Hauptmann „ein Gerichtsverfahren ohne offene Zeugen, ohne Beweise, ohne Verteidigung“ geißelt, das Wüten der Domini Canes, des „Ketzerbrenners“ Paulus Gislandus und seines „fliegenden Blutgerichts“ ohne Berufungsmöglichkeit, diese doch unbestreitbaren Tatsachen heute als Symbol einer ständigen Gefahr auf die Bühne zu bringen, daran nahmen manche Anstoß. Wer die „Hexenjagd“ des Amerikaners Arthur Miller auf der Bühne gesehen hat, dem drängt sich ein wichtiger Rangvergleich auf. Miller behandelt in einem anderen Milieu dasselbe Faktum, den religiösen Massenwahn. Miller läßt seine dramatisch glänzende, technisch routiniert gebaute Handlung im dialektischen Räsonnement gipfeln. Es verallgemeinert das historische Beispiel und redet den Zuschauer intellektuell an. Nun aber steigt eins der großen Vorbilder auch der amerikanischen Dramatik, steigt Gerhart Hauptmann gleichsam aus dem Grabe, wischt mit seinem „Magnus Garbe“ diese „angewandte Kunst“ hinweg und stellt Menschen, Welt, Atmosphäre als transparente Symbole auf die Szene. Hauptmanns Gestalten leben ihre individuelle Existenz.

1914 hieß Hauptmanns Titel-Entwurf „Felicia, ein Wachtraum“. Felicia, jung, schön, reich, erwartet ein Kind von Magnus Garbe, dem fünfzigjährigen Bürgermeister. Die Stadt wird von Dürre geplagt. In der Erlöserkirche tagt das Inquisitionstribunal. Ein Kugelblitz scheint vom Teufel gegen die „Hunde des Herrn“ gerichtet zu sein. Felicia wird als Schuldige der Hexerei bezichtigt und auf die Folter geschleppt. Während Magnus Garbe ahnungslos in einem Weinberg außerhalb der Stadt Ruhe vor seiner unbestimmten Angst sucht, gebiert Felicia das Kind im Kerker und sieht dem Tode auf dem Holzstoß entgegen. Im letzten Akt führt Hauptmann die Liebenden, verwandelt als Opfer des Massenwahns wieder zusammen. über ihren gemeinsamen Tod ragt als ethische Dominante das Wort eines Henkerknechts: „Ich wette, sie sind zum Himmel gefahren.“ – Wir veröffentlichen eine Szene aus dem III. Akt, in der Magnus Garbe seiner Frau im Kerker wiederbegegnet.

Felicia: Einmal sagt’ ich zu Meister Adam, dem Nachrichter: Da drinnen an Stricken hängt ein armes nacktes Weib. Man hat Gewichte von Eisen an seine Füße gehängt. Was tut ihr mit ihm? Was hat sie verbrochen? – Du weißt es am besten, sagte der Mann. – Aber wie sollte ich das wissen, frage ich Euch? Die Frau hing still, und der hochwürdigste Inquisitor sagte zu ihr: Es ist klar, daß du nicht die Wahrheit redest! und weiter: Ich hätte dich gern gleich losgelassen, weil du in den nassen, finstern Kerkern an deiner Gesundheit sonst Schaden leiden mußt. Solange du leugnest, bleibst du in Ketten. – Da merkte ich, wie die Arme nachgrübelte. Sie grübelte lange, grübelte lange, aber ihr Grübeln half ihr nichts. Sie vermochte dem hochwürdigsten Herrn nichts zu antworten. – Da sagte der Herr Inquisitor zu ihr: Du bist des unmenschlichsten aller Verbrechen angeklagt. Es ist durch viele sichere Zeugen festgestellt, daß du mit unreinen Geistern nachts in entlegenen Winkeln und auf einsamen Kreuzwegen Unzucht getrieben hast. – Aber meint Ihr, sie hätte gesprochen? Sie röchelte nur tief auf und wurde von Ekel und Scham blutrot ...

Doktor Anselo: Ihr könnt, wenn Ihr wollt – und nun sagt, ob Ihr wollt, Felicia! – Euren Gatten wiedersehen.

Felicia: Wenn man nur nicht in diesem bleiernen Schlaf mitunter so angstvolle Träume hätte... Da hört man Schreie! – Da klirren Ketten! Und über mir, die ganze Nacht, die ganze Nacht, die ganze Nacht: Schritte, Schritte, Schritte! Hin und her. Immer hin und her. Immer hin und her. Immer hin und dann wieder her...