Der im 1. September 1955 in Kraft getretene Manteltarifvertrag für Hausgehilfinnen hat mancherlei Kritik über sich ergehen lassen müssen. Sie macht nicht immer den Eindruck der Sachlichkeit. Um zu wissen, für wen dieser Tarifvertrag gilt, muß man einmal festhalten, wer ihn abgeschlossen hat. Es ist der Deutsche Hausfrauen-Bund einerseits und die Gewerkschaft Nahrung – Genuß – Gaststätten andererseits. Daraus ergibt sich der relativ kleine Personenkreis, den der Vertrag wirklich verpflichtet: nämlich alle Mitglieder der beiden Organisationen, also die wenigen dem Hausfrauen-Bund angeschlossenen Frauen und die Gewerkschaftsangehörigen. Dazu muß man noch betonen, daß überhaupt nur etwa 10 v. H. aller Hausgehilfinnen gewerkschaftlich organisiert sind. Der Deutsche Hausfrauen-Bund versucht, seine Allgemeinverbindlichkeit über das Bundesarbeitsministerium zu erreichen. Voreilige Stimmen wollen wissen, dieser Vorschlag sei bereits abgelehnt worden. Wie wir jedoch von zuständiger Seite erfahren, stimmt das nicht.

Was machen die Hausfrauen und Hausgehilfinnen, die nicht zum Geltungsbereich des neuen Tarifvertrags gehören? Für sie sind nach wie vor die vom Bundesarbeitsministerium im Jahre 1952 herausgegebenen „Richtlinien für die Regelung der Arbeitsbedingungen von Hausgehilfen im Bundesgebiet“ gültig. Der neue Tarif unterscheidet sich von den „Richtlinien“ vor allem in der Bemessung von Arbeitszeit, Freizeit und Urlaub. Während die Richtlinien einen jährlichen Urlaub von 12 und nach fünfjähriger Arbeit im gleichen Haushalt von 15 Werktagen fordern, stuft der neue Tarif den Urlaub auf. Er beträgt vom 18. bis zum 20. Lebensjahr 12, vom 21. bis zum 27. Lebensjahr 15 und vom 28. Lebensjahr ab 18 Arbeitstage. Dazu verlängert sich der Urlaub vom 2., 4. und 6. Jahr der Haushaltszugehörigkeit ab um je einen Tag. Für Jugendliche gelten selbstverständlich außerdem die Bestimmungen des Jugendschutzgesetzes.

Nach den Richtlinien hat eine Hausgehilfin in jeder Woche Anspruch auf einen spätestens um 15 Uhr beginnenden freien Nachmittag und Abend, und von jeweils vier aufeinanderfolgenden Sonn- oder Feiertagen einen ganzen und einen weiteren ab 14 Uhr freien Tag. Nach der neuen Regelung hat sie wöchentlich einen ganzen freien Tag, wovon jeder zweite ein Sonntag sein soll. Wird der freie Tag regelmäßig am Sonntag gewährt, so muß durch Arbeitseinteilung an zwei Werktagen im Monat jeweils ein halber Tag frei sein.

Den stärksten Protest mancher Hausfrauen hat jedoch der Achtstundentag ausgelöst, während die Richtlinien von „in der Regel 10 Stunden“ sprechen. Einige der Einwände lauten: Hausarbeit lasse sich in kein Schema pressen... Eine Hausfrau könne sich auch keinen Achtstundentag leisten ... Die freien Berufe, wie Handwerker, Ärzte, Schauspieler, müßten ebenfalls ohne Achtstundentag auskommen ... Gerade die Familien, die es am nötigsten haben, müßten jetzt auf eine Hilfe verzichten ... Die Richtlinien hätten sich doch bestens bewährt... Die Familie sei eine Lebensgemeinschaft, mit der die Hausgehilfin aufs engste verbunden sei, diese Tatsache habe der neue Vertrag nicht berücksichtigt, da er das Lohnarbeitsverhältnis so regele, als sei die Familie einem Unternehmen gleichzusetzen...

Man sieht, die Gegenstimmen gehen selten von richtigen Erkenntnissen aus. Aber: der neue Tarif ist kein starres Schema, in das ein Arbeitsverhältnis hineingepreßt werden muß, sondern der Rahmen, in dem Hausfrau und Hausgehilfin – vor allem aber die Hausfrau! – ihr gegenseitiges Verhältnis mit Leben füllen sollten. Nirgends, auch nicht in diesem Tarif, steht geschrieben, daß diese acht Arbeitsstunden hintereinander abgeleistet werden sollen. Es bleibt der gegenseitigen Vereinbarung überlassen, Arbeitszeit und Freizeit nach den gegebenen, individuellen Verhältnissen einzustellen, wobei noch zu bemerken ist, daß Essenzeit und die Stunden für die persönlichen Bedürfnisse (wie Kleiderpflege, Reinigen des eigenen Zimmers) selbstverständlich nicht zu den acht Stunden gehören. Der neue Vertrag setzt also bei der Hausfrau Denken und Planen voraus, und das haben wohl noch nicht alle gelernt.

Gewiß kann sich heute noch kaum eine Hausfrau einen Achtstundentag leisten. Aber darf man, weil die Hausfrau sich nicht auf acht Stunden Arbeit für ihre eigene Familie beschränken kann, von der Hausgehilfin, die doch meist der Familie fremd ist, verlangen, sie solle täglich Mehrarbeit auf sich nehmen? (Wobei zu bemerken ist, daß der neue Vertrag die Möglichkeit vergüteter Überstunden offen läßt.) Vergißt man, daß daneben Fabrik, Ladentheke und ähnliche Chancen winken?

Gewiß ist die neue Regelung vor allem für die Familien bitter, die Kinder haben und auf Hilfe angewiesen sind. Wann wären sie nicht im Nachteil! Aber es ist ein Unding zu verlangen, die Hausgehilfin müsse durch ihre Mehrarbeit an dieser Last mittragen. Das ist im Einzelfall, wo da und dort beide Seiten, zu einer menschlich fundierten Gemeinschaft zusammenwachsen, durchaus möglich. Aber das kann man nicht als Forderung aufstellen! Um der Familie, vor allem der kinderreichen, aus ihrer Notlage herauszuhelfen, bedarf es anderer Mittel.