Ein fragwürdiger Beitrag Pankows zur Intensivierung des Ost-West-Handels – Hintergründe einer Exportoffensive

Zu den Wesensmerkmalen des aktiven Kommunismus gehört die Furcht vor „Spionen, Saboteuren und Agenten“. Sie nimmt nicht selten Formen an, die dem von solchem Alpdruck unbehafteten westlichen Beobachter lächerlich vorkommen.. Dennoch erscheint es angebracht, vor Selbstgefälligkeit und vor einem Überlegenheitsgefühl zu warnen, die dazu verleiten, diesen Komplex nicht ernst zu nehmen. Nicht etwa, weil die Kommunisten in ihrem eigenen Machtbereich nun wirklich an allen Ecken und Enden von solchen subversiven Elementen umgeben sind – sondern weil ihre Furcht zu einem großen Teil die Reaktion auf ihre eigenen Praktiken ist. Was sie selbst an Untergründigkeit praktizieren, trauen sie auch den anderen zu. Darum sollte man ihnen auf die Finger sehen.

Die Pankower Exportspezialisten glauben augenblicklich einigen Grund zu heller Freude zu haben. Innerhalb weniger Wochen ist es ihren Unterhändlern gelungen, unter anderem mit Ägypten, dem Libanon und Syrien bedeutsame Handels- und Zahlungsabkommen abzuschließen. HeinrichRau, stellvertretenderMinisterpräsident der DDR, war kürzlich Gast der indischen Regierung und kehrte in die sowjetdeutsche Residenz nach der Unterzeichnung von Vereinbarungen zurück, die eine Lieferung sowjetzonaler Ausrüstungen für die Braunkohlenindustrie im Werte von mehreren hundert Millionen Ostmark und „wissenschaftliche Hilfe“ auf diesem Gebiet vorsehen. Die (Ost-) „Berliner Zeitung“ amüsierte sich über die Aktivität Vizekanzler Blüchers, Indien ebenfalls einen Besuch abzustatten, und über seine Äußerung, er freue sich, als erster deutscher Minister dieses Land besuchen zu dürfen. „Er wollte damit wohl von der Tatsache ablenken, daß Bonn arg ins Hintertreffen geraten ist“ – meinte der Kommentator und wies auf die schon perfekten Abmachungen und konkreten Vorschläge der Sowjetunion und einiger Ostblockstaaten, zur Industrialisierung Indiens beizutragen. Wir sind zwar der Meinung, daß in Indien trotz dieser „großzügigen“ Hilfe der Kommunisten auch für den Vizekanzler und die westdeutsche Industrie noch manches lohnende Betätigungsfeld übrigblieb. Dennoch sollte nicht unterschätzt werden, daß die roten Herren ihre Heimreise mit beträchtlichen Orders angetreten haben.

Wie es mit der Realisierung dieser Aufträge bestellt sein wird, bleibt allerdings abzuwarten. In der offiziösen Ost-Berliner Halbmonatsschrift „Der Außenhandel“ verweist Dr. Gottfried Lessing, Präsident der Sowjetzonen-Außenhandelskammer, zwar (mit Recht) auf die Absicht, im Rahmen des Volkswirtschaftsplanes 1956 die mitteldeutsche Industrieproduktion stark auszubauen und den Handel – „auch mit den kapitalistischen Ländern“ – beträchtlich zu erweitern. Als Ziele, auf die man es nach den Weisungen Moskaus besonders abgesehen hat, nennt er außer den „als souveräne Staaten so jungen Ländern des Mittleren und Fernen Ostens“ vor allem Afrika und Südamerika. Wir halten es für angebracht, daß die Bonner Außenhandelspolitik solchen Absichten künftig mehr Beachtung als manchesmal in der Vergangenheit schenkt. Denn nicht die geringste Gefahr, die von den Pankower und sonstigen Ostblock-Außenhändlern droht, ist die Störung dieser Märkte durch Angebote, die in Preisen und Lieferbedingungen oft bestechend wirken, dank der rigorosen Subventionierung aus der Staatskasse. Diese Störungen werden nicht ohne weiteres ausgeglichen durch die „kleinen Fehler“, die sich bei der Abwicklung der Lieferverpflichtungen einstellen. Dr. Lessing beklagt sich bitter über viele seiner Funktionäre: Anfragen ausländischer Kunden werden oft erst nach Monaten einer Antwort gewürdigt, hochwertige Exportgüter erreichen ihr Ziel infolge nachlässiger Verpackung und ungenügender Sicherung gegen Tropeneinflüsse in bejammernswertem Zustand, Personenautos für Länder mit überwiegender Wüstenlandschaft werden ohne Ölbad-Luftfilter geliefert und versagen schon nach wenigen Tagen, die Unterhändler des Pankower Außenhandels sind der Sprache ihrer Handelspartner nicht mächtig und kennen oft nicht einmal die Produktionsbedingungen in ihrer Heimat...

Diese und manche anderen Beanstandungen haben es dennoch nicht verhindert, daß die Sowjetzone in letzter Zeit beim Abschluß neuer oder bei der Erweiterung alter Handelsabkommen mit nichtkommunistischen Ländern gleichzeitig den Austausch ständiger Handelsdelegationen vertraglich sichern konnte. Welche Möglichkeiten solchen ausländischen Delegationen angesichts der zentralistischen Reglementierung von Plänen, Produktion. und Handel bleiben, um in Ost-Berlin eine normale Handelspolitik zu betreiben, läßt sich an den Fingern abzählen. Dagegen sollte man bei den Niederlassungen der sowjetdeutschen Delegationen ein wenig an die eingangs erwähnte Agentenfurcht denken. Die Pankower Außenhandelsfunktionäre. die jetzt noch für würdig befunden werden, solche Auslandsposten zu besetzen, sind wenigstens in einer Hinsicht perfekt: Sie sind gelehrige Schüler Moskaus und weitgehend unempfindlich gegen „westliche“ Einflüsse, dafür aber um so vertrauter mit den Methoden kommunistischer Wühlarbeit. Ihre noch allzuoft für harmlos gehaltene sachliche Unzulänglichkeit sollte nicht mit Dummheit verwechselt werden, und wer mit ihnen verhandelt, sollte nicht vergessen, daß in der kommunistischen Dialektik unter „Schwarz“ und „Weiß“ durchaus nicht das zu verstehen ist, wie im üblichen Sprachgebrauch.

Man weiß in Pankow genau, was den eigenen Erzeugnissen noch oft an materieller und technischer Substanz fehlt, um das angestrebte „Weltniveau“ zu erreichen. Aber man ist bestrebt – und muß es auf Befehl Moskaus sein –, dieses Manko auszugleichen. Nun wird man in einer freien Wirtschaft unter normalen Umständen keinem Produzenten von Exportgütern verdenken, wenn er sich um die Erzeugnisse der Konkurrenz kümmert, um ihnen in Ausführung und Preis gleichzukommen oder sie zu übertreffen. Wenn aber kommunistische Funktionäre das gleiche tun, sollte man ihre Mißachtung jeder Fairneß in Rechnung stellen und ihre Worte wie Taten unter dem für sie einzig verpflichtenden Gesichtspunkt skrupelloser Linientreue bewerten. In der gleichen Ausgabe der schon erwähnten Zeitschrift „Der Außenhandel“ fordert ein hoher Beamter des zuständigen Pankower Ministeriums die für Auslandsreisen zugelassenen Funktionäre dazu auf, die einheimischen Staatsbetriebe „mit den Neuentwicklungen, Verbesserungen und den Fortschritten der ausländischen Produktion vertraut zu machen“. Wer in koexistentieller Gutgläubigkeit meint, solche Aufmerksamkeit könne man niemand verwehren, lese mit dem Gedanken an die Skrupellosigkeit, mit der sich seit Jahrzehnten manche Beamten sewjetrussischer Handelsniederlassungen in ihren Gastländern aufgeführt haben, folgenden Befehl an die Pankower Handelsagenten:

„Alle nach Westdeutschland und ins Ausland reisenden Kollegen haben den Auftrag, neben ihren kommerziellen Aufgaben den Entwicklungen und Neukonstruktionen ihre besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Auf Messen oder auf Geschäftsreisen findet sich immer Gelegenheit, den neuesten technischen Stand der Konkurrenz zu erfahren und Neuerscheinungen zu beachten oder sich über Verbesserungen zu informieren. Um möglichst genau unterrichtet zu sein, werden Prospekte, Abbildungen und Werbematerial gesammelt oder technische Beschreibungen angefertigt. Nach der Rückkehr werden diese Unterlagen in den Kontoren für Preisvergleiche verwendet und dann der Abteilung Technischer Dienst zugeleitet, die sie der Hauptverwaltung Werkzeugmaschinen im Ministerium für Schwermaschinenbau zuleitet, wobei mit dem technischen Leiter Rücksprachen geführt werden. Die Unterlagen werden anschließend der Abteilung Forschung und Entwicklung des Ministeriums für Schwermaschinenbau und dem Volkseigenen Betrieb Zentralstelle für Entwicklung und Konstruktion, Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) zugestellt.“