Im selben Augenblick, da Dehler zur Bestätigung des Friedensschlusses zwischen FDP und CDU das Wort sprach: „Der Graben ist zugeschüttet“, rebelliert ein großer Teil seiner Partei gegen ihn: die nordrhein-westfälische FDP treibt eigene Politik und zeigt, daß man von einem einheitlichen Willen dieser Partei nicht mehr reden kann; sogar „auf Landesebene“ sind die Freien Demokraten jetzt gespalten, denn Middelhauve – diesmal koalitionstreu – setzte sich in Gegensatz zu seinem Ministerkollegen Weyer, den es zum Bündnis mit der SPD zog. Offenbar wird nun aller Welt deutlich, was die ZEIT in einem vielzitierten Artikel „Vertanes Erbe“ schrieb (Nr. 48 vom 1. Dezember 1955), dem zumal die rheinische FDP so leidenschaftlich widersprach. Wir sagten, die FDP zerfalle in zwei Gruppen: eine echt liberale Elite, der es um die Sache der alten bürgerlichen Freiheiten geht, und eine radikalere, der es in erster Linie darum geht, Machtpolitik zu treiben, und sei es auf dem Weg über eine Massenpartei, die gewiß nur mit nationalistischen, aber nicht mit liberalen Parolen zusammenzubringen ist.

Wenn eine solche Situation akuter Spannung erst einmal eingetreten ist, ergreifen leicht alle Beteiligten ihre verschiedenen Töpfe und eilen damit zum Feuer. Die SPD sieht in den Anbiederungsversuchen der FDP nichts als die Chance, im größten Lande der Bundesrepublik an die Regierung zu kommen; gerade auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik, das für Rhein und Ruhr entscheidend ist, könnten die ideologischen Gegensätze gar nicht größer sein.

Nordrhein-Westfalens CDU-Chef, der seit neun Jahren amtierende Ministerpräsident Arnold, ein Linksmann im Rahmen seiner Partei, hat nicht erst heute seine Vorliebe für eine „Große Koalition“ mit den Sozialdemokraten entdeckt. Es ist ein alter Lieblingsgedanke von ihm, an dessen Verwirklichung er seinerzeit nur durch den Bundeskanzler gehindert wurde.

Die FDP glaubte, jetzt das Ideal aller kleinen Parteien erreicht zu haben, nämlich Zünglein an der Waage zu sein. Gerade da aber stellte sich heraus, daß ihr die notwendige Voraussetzung dafür fehlte: Einigkeit und eine klare, energische Führung. M-M