W. L., Ulm

NO CROSSING“ stand auf dem weißgetünchten Bretterschild im Mittelstreifen der Autobahn. Zitternd huschten die grellen Lichtkegel der Scheinwerfer eines schweren US-Wehrmachtsfahrzeuges über die rotleuchtenden Buchstaben. Der mächtige Tieflader dröhnte gerade in das kleine Wäldchen hinter Ulm hinein, als dem Sergeanten am Steuerrad des Sattelschleppers einfiel umzudrehen. Trotz dem gerade eben passierten Warnungsschild lenkte der in Ulm stationierte amerikanische Soldat die schwere Zugmaschine über den Mittelstreifen der Autobahn. Mit aufheulendem Motor zerrte der Sattelschlepper das tief einsinkende Fahrzeugungetüm rücksichtslos auf die Gegenstrecke München–Stuttgart. Dicke Erdklumpen schleuderten die großprofiligen Reifen auf die mondbeschienene Straßendecke.

Von dem blechernen Knirschen und Bersten hinter sich hörte der Sergeant am Steuerrad nicht viel. Nur weil er einen kleinen Stoß spürte, beugte er sich aus dem Seitenfenster heraus. Dann brachte er das Fahrzeug mit pfeifenden Luftdruckbremsen zum Stehen und sprang auf die Straße. Mit seiner Taschenlampe lief er nach hinten. Ein grausames Bild bot sich ihm.

Ein bis zur Unkenntlichkeit zusammengepreßter Personenwagen klebte am Heck des Tiefladers. Tastend hüpfte der Lampenschein über eine sich ständig vergrößernde Öllache. Zischend spritzte das Kühlwasser über den heißen Motorblock. Fast senkrecht stieg der Wasserdampf in den Nachthimmel. Durch die völlig zertrümmerten Wagenscheiben schepperte leise Radiomusik. Im Wagen eingequetscht lagen drei Tote.

Es gab Hinterbliebene, die ihren Ernährer verloren hatten und einen langen Klageweg beschreiten mußten. Es gab „nichtzuständige“ Behörden, achselzuckende Beamte und Ablehnungen, bis endlich das Ulmer Amt für Verteidigungslasten die Zuständigkeit wohl anerkennen mußte, aber zunächst das Urteil des amerikanischen Gerichtes abwarten wollte, vor dem sich der leichtsinnige Fahrer zu verantworten hatte.

Der Fahrer wurde von jeder Schuld freigesprochen. Das Ulmer Amt für Verteidigungslasten wandte sich mit der Bitte um Aufklärung an den amerikanischen Standortkommandanten. Unfaßbar erschien der Ulmer Behörde das Urteil. Unfaßbar erscheint uns die Antwort der Ulmer Kommandantur. Am 31. Januar 1956 wurde von dort nähere Auskunft über das Gerichtsverfahren abgelehnt, mit besonderem Hinweis darauf, „daß es keine Möglichkeit gibt, gegen das Urteil eines US-Gerichtes Berufung einzulegen.“

Wir verstehen die Empörung der Mitglieder des deutsch-amerikanischen Beratungsausschusses Ulm/Neu-Ulm, die wegen dieses richterlichen Bescheides sofort eine Sondersitzung beantragen wollen.