Eine neue „Brotpreiswelle“ kommt auf uns zu: In den letzten Tagen wurden aus Hamburg, Wuppertal und Köln erhebliche Preiserhöhungen gemeldet. Die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände hat protestiert, und sie hat an die Hausfrauen den Appell gerichtet, nur von solchen Bäckereien zu kaufen, die an dem bisherigen Brotpreis festhalten. Das ist eine wirksame Parole und jedenfalls zugkräftiger, als nur zu lamentieren – da wir ja für Backwaren noch so etwas wie einen Wettbewerb haben.

Hamburgs Bäcker haben die Preise erhöht. Zweifellos eine unerfreuliche Tatsache, die schlecht in Bundeswirtschaftsminister Erhards Preissenkungskampagne passen will. Die Mahnungen des Ministers blieben sonst nicht unbeachtet, eine Reihe von Waren wurde billiger. Hamburgs Brot und Brötchen teurer.

„Höhere Unkosten“ heißt das Hauptargument. Das ist ein Begriff mit sehr dehnbaren Auslegungsmöglichkeiten, der manchem alles und vielen nichts sagt, den Verbraucher aber jedenfalls zu einem tieferen Griff in die Geldbörse zwingt. Und doch ist dieses Argument einer näheren Betrachtung wert.

Die Brotpreiserhöhung 1956 unterscheidet sich sehr wesentlich von der aus dem Jahr 1953: ihr fehlt das Merkmal gemeinsamen Handelns aller Brothersteller. Es ist keine geschlossene Aktion geworden. Am umfassendsten war die Preiserhöhung bei Brötchen und Weißbrot. Das ist um so interessanter, weil die Verdienstspanne bei diesen Brotsorten ungleich höher ist als bei den dunkleren Sorten. Aber auch Weizen- und Roggenmischbrote wurden zum Teil teurer. Im allgemeinen bewegten sich die Preiserhöhungen um 15 v. H. Manche Brothersteller schlossen sich dieser Aktion überhaupt nicht an oder setzten den Preis nur für eine bestimmte Brotsorte herauf.

Der Zeitpunkt der Preiserhöhung konnte psychologisch nicht ungünstiger gewählt werden. Die jüngste Lohnerhöhung wurde zum Anlaß genommen. Der Januar 1956 hatte den Bäckergesellen ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk in Form einer Erhöhung des Wochenlohnes von 84 DM auf 92,50 DM gebracht. Hamburgs Bäcker reagierten buchstäblich über Nacht – nämlich vom 31. Januar auf 1. Februar. Zweifellos eine recht unglückliche Reaktion, könnten doch die verdrossenen Verbraucher den brotpreiserhöhenden Bäckern Preisabsprachen unterstellen, die einen Verstoß gegen die Kartellbestimmungen darstellen.

Die Aktion der Bäcker mußte nach den Begleitumständen in der Öffentlichkeit den Eindruck entstehen lassen, als ob jene Lohnerhöhung einen höheren Brotpreis unumgänglich gemacht hätte. So einfach aber liegen die Dinge nicht. Mit der Wahl des ungünstigsten Zeitpunktes für eine Erhöhung der Brotpreise haben die Bäcker die wichtigsten Argumente aus der Hand gegeben. So blieb die Tatsache unerwähnt, daß der Hamburger Brotpreis im Vergleich mit dem Durchschnitt der Bundesrepublik der sogenannten schlechten Mitte zuzurechnen ist und die Brotpreise Hamburgs seit 1953 im allgemeinen nur geringfügige Veränderungen nach oben aufzuweisen hatten, während die Kohlenpreise und Löhne aber ganz erheblich gestiegen sind. Die Briketts beispielsweise – sie sind für die Brotherstellung besonders wichtig – verteuerten sich von 1948/49 bis heute um weit über 100 v. H. Die Lohnentwicklung nahm in diesem Zeitraum eine ähnliche Aufwärtsbewegung: von 46 DM wöchentlich auf 92,50 DM, alles in allem auch 100 v. H. Und nicht zuletzt wäre es sicherlich klüger gewesen, erst einmal die bald zu erwartende Neufestsetzung des Mehlpreises abzuwarten; könnte sie doch eine neuerliche Preiserhöhung erforderlich machen. Vorsorglich weist man schon jetzt darauf hin, daß die neuen Mehlpreise eine schwer zu knackende Nuß sein können.

Der Brotpreis und die Reaktion des Verbrauchen auf Preiserhöhungen ist psychologisch ein sehr reizvolles Problem. Eifrige Verfechter des sogenannten politischen Brotpreises sind die Gewerkschaften, die dieses Argument immer wieder – und mit Erfolg – in Lohnverhandlungen an den Mann bringen, etwa mit den Worten: „Das Brot ist teuer, also müssen die Löhne erhöht werden.“ Die Erfahrungen zeigen, daß eine Erhöhung des Brotpreises heute gar nicht mehr so entscheidende Auswirkungen hat, wie angenommen wird. Das Experiment, ein besonders billiges, aber qualitativ gutes Brot für den Teil der Bevölkerung mit geringerem Einkommen auf den Markt zu bringen, ist gescheitert. Es wurde nämlich nicht gekauft, schon deshalb nicht, weil sich kein Mensch durch Kauf dieses billigen Brotes dem Verdacht aussetzen wollte, nicht zahlungskräftig zu sein. Das Gegenteil ist heute der Fall: unser Brot ist zu einfach, Man will nicht mehr das traditionelle Brot, rund oder lang, mit mehlbestäubter Unterseite, offen im Regal des Bäckers zum Verkauf bereitliegend. Der Kreis der Abnehmer dieser Art von Brot wird – zumindest in den Städten – immer kleiner. Der Verbraucher von heute hat eine ganz bestimmte Vorstellung, wie „sein“ Brot auszusehen hat. Es soll möglichst gut verpackt sein, hübsch bunt bedruckt. Der Absatz bereits geschnittenen und verpackten Brotes nimmt immer mehr zu. Und das Erstaunliche ist hierbei, daß die Kostenfrage eine recht geringe Rolle zu spielen scheint; entsprechen doch zwei Ein-Pfund-Pakete Schnittbrot preislich dem eines Dreipfünders gleicher Qualität.

Die Faustregel der Werbefachleute „Niedriger Preis – schlechtestes Argument“ wird immer wieder auf neue bestätigt. Der Verbraucher gewinnt heute langsam eine andere Einstellung auch zum Brot; es ist nicht mehr das Brot, von dem die Bibel spricht. Das Brot wird zur „Ware“, eine Ware, wie jede andere auch. Eine äußerst wichtige Ware zweifellos, aber das Brot beginnt sich aus seiner Sonderstellung herauszulösen. Die Wünsche des Verbrauchers sind entscheidend für den Absatz. H.