Ein Zeitraum von drei Jahren gilt zwar gemeinhin nicht als besonders erwähnenswert. Wenn jedoch in Luxemburg am 10. Februar die Hohe Behörde der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl Gelegenheit nehmen wird, einer großen Zahl von Gästen aus vielen Ländern des Kontinents und aus Übersee eine Erfolgsbilanz anläßlich ihrer Arbeitsaufnahme vor drei Jahren vorzulegen – damals wurde die Gemeinschaft zunächst für Kohle und Eisenerz, erst einige Monate später auch für Stahl wirksam –, so sei ihr dies wegen der Neuartigkeit und Eigenart ihrer Tätigkeit unbenommen. In der Tat haben sich in der relativ kurzen Zeit ihres Bestehens beachtliche Wandlungen vollzogen, die offensichtlich nicht nur die Folge einer günstigen Konjunktur waren. Daß die Steinkohlenförderung 1955 in den sechs Ländern der Montan-Unon nur 7,5 Mill. t oder 3 v. H. höher als in dem guten Konjunkturjahr 1952 war, ist wegen der vielfältigen und besonderen Schwierigkeiten dieser Produktion kein Grund zur Unzufriedenheit. Wenn dagegen die Rohstahlerzeugung im gleichen Zeitraum um 10,8 Mill. t oder 26 v. H., vor allem aber der Austausch im gemeinsamen Markt bei Kohle um etwa 7,8 Mill. t oder 32 v. H., bei Eisen und Stahl um 3,4 Mill. t oder sogar 162 v. H. zugenommen hat, so sind dies respektable Leistungen einer Organisation, von der schließlich keine Wunder zu erwarten waren.

Aber eine andere Frage drängt sich auf: Genügt die Konzeption dieser Gemeinschaft den Erfordernissen unserer Tage und erst recht der ferneren Zukunft? Hier allerdings scheinen uns gewichtige Gründe für ein deutliches Nein vorzuliegen. Man erinnere sich, daß die Europäische Gemeinschaft ihre Gründung nicht allein wirtschaftlichen Erwägungen verdankt, sondern der politischen Absicht, die einstigen „Erbfeinde“ Frankreich und Deutschland an einen Tisch zu zwingen. Dieses Ziel ist zweifellos erreicht – allerdings wohl nicht so sehr durch die Tätigkeit der Montan-Union, als vielmehr durch die Wirksamkeit des sowjetischen Machtblocks im Kalten Krieg. Er hat der nichtkommunistischen Welt öfter als einmal vor Augen geführt, daß es eine ungleich größere Gefahr als etwa einen deutsch-französischen Krieg gibt. Er sollte aber auch Klarheit darüber erbracht haben, daß dieser noch immer allzuoft unterschätzten Macht nicht einmal defensiv zu begegnen ist, wenn die freie Welt nicht alle ihre Kräfte zusammennimmt. Als demokratische Organisation arbeitet die Hohe Behörde auf der Grundlage des Vertrages, den die Mitgliedstaaten seinerzeit – unter ganz anderen Vorzeichen, als sie inzwischen sichtbar geworden sind – freiwillig abgeschlossen haben. Fragt man jetzt, wie es dieser Tage in Berlin geschah, ein Mitglied dieser Behörde vom Range des deutschen Vertreters Dr. Potthoff nach ihrer Stellungnahme zu Problemen der Atomenergie wie überhaupt aller nicht unmittelbar mit der Kohle zusammenhängenden Energien, so erfährt man zwar eine persönliche Meinung, nicht aber eine offizielle – weil es sie in Luxemburg nicht gibt und solange nicht geben kann, wie sich der Vertrag über die Montan-Union buchstabengetreu an „Kohle und Stahl“ hält.

Wenn Europa der einzigen wirklich lebensbedrohenden Gefahr entgehen will, muß es sich zwar auch – und zwar umgehend – den vielen Aufgaben widmen, die sich aus den 68 z. Z. im Auftrage der Hohen Behörde bearbeiteten Forschungsprojekten ergeben. Aber es muß darüber hinaus notfalls von heute auf morgen, auch wirtschaftlich Anstrengungen unternehmen, die den gutgläubigen geistigen Vätern der Montan-Union vor zehn Jahren noch unvorstellbar waren. Wenn man erfährt, daß nach Ansicht der Hohen Behörde die Einfuhr größerer Mengen amerikanischer Kohle in die Mitgliedsländer wahrscheinlich bald an der Kapazitätsgrenze von Schiffsraum und Häjen eine Grenze finden dürfte, so wird dies gerade im hellhörigen Berlin nur als ein dringender Alarmruf verstanden: macht ernst mit: der umfassenden wirtschaftlichen Integration Europas und gebt der in Luxemburg vertretenen Gemeinschaft umgehend eine Arbeitsgrundlage, die eine umfassende Planung aller wirtschaftlichen Kräfte auf lange Sicht ermöglicht. gns.