Von Armin Mohler

Das Johlen und Pfeifen von Zehntausenden wütender Kolonialfranzosen übertönte die Klänge der Marseillaise, als Frankreichs Ministerpräsident Mollet in Algier eintraf. Fremdenlegionäre und Polizei mußten seinem Auto Schritt für Schritt den Weg durch ein Meer aufgebrachter Demonstranten bahnen. Die französische Minderheit Algiers sieht in Mollets Versuch, die Araber zu befrieden, eine Bedrohung ihrer Vorrechte. Eins haben die Kolonialfranzosen schon erreicht: den Rücktritt des ihnen als „Liquidator des Kolonialreichs“ verhaßten (von den gemmäßigten Arabern jedoch als Mann des Ausgleichs geschätzten) Algier-Ministers General Catroux. Mollet ließ ihn gehen, um das algerische Drama nicht noch schwieriger zu gestalten. Daß dieser Rücktritt unter dem Druck der Straße erfolgte, ist jedoch für seine Mission in Algier und für seine Zukunft als Ministerpräsident ein sehr schlechtes Omen.

Paris, im Februar

Eine Stabilisierung des bisher Erreichten ist in Tunesien und Marokko nicht möglich, solange dazwischen Algerien als Ansteckungsherd schwelt. Diese Einsicht setzt sich in Paris selbst bei der gemäßigten Rechten um Pinay allmählich durch. Und man gesteht sich ein, daß die theoretisch geforderte Assimilationspolitik praktisch nicht durchführbar ist – auch wenn der scheidende Generalgouverneur Soustelle sie eben noch wider besseres Wissen als einzige Lösung angepriesen hat, weil er nicht als einer der „Liquidatoren des Empire“ angeprangert werden möchte ... Mit Guy Mollets Formel, man müsse die „personnalité algérienne“ anerkennen, ist zum erstenmal offiziell die Fiktion „Algerien = drei französische Departements“ über Bord geworfen worden. Und in die gleiche Richtung weist, daß zum erstenmal für Algerien ein eigenes Ministerium geschaffen wurde.

Es gibt in Algerien im Gegensatz zu Marokko und Tunesien eine seit mehreren Generationen im Land verwurzelte und zahlenmäßig weit stärker ins Gewicht fallende Schicht kleiner europäischer Siedler. Und die sind weniger leicht als ein Großindustrieller dazu zu bewegen, die „Sidis“ auch nur juristisch als gleichberechtigt anzuerkennen.

Vor allem aber stellt sich die Frage, wer denn nun in Algerien auf mohammedanischer Seite als der vielzitierte „interlocuteur valable“ (gültiger Verhandlungspartner) anzusehen ist, wie man das in den beiden Nachbarländern Bourgiba und Mohammed V. gegenüber getan hat. Darum kann man sich nicht mit der an sich richtigen Feststellung drücken, daß Algerien im Gegensatz zu Marokko und Tunesien keine eigenstaatliche Tradition besitze, an die anzuknüpfen sei. Frankreich hat durch seine Politik den algerischen Maquis geschaffen. Und dieser Maquis wird, wie heute selbst die Führer des gemäßigten Nationalismus (Ferhat Abbas) und viele der von der Verwaltung protegierten mohammedanischen, Parlamentarier zugeben, von der überwiegenden Mehrheit der autochthonen Bevölkerung als einzige maßgebende Autorität anerkannt. Ob das aus Furcht oder aus innerer Zustimmung geschieht, ist dabei nicht ausschlaggebend. Soll Frankreich die Führer dieses Maquis, etwa Ben Bella, als Verhandlungspartner anerkennen? Selbst Catroux hat das abgelehnt. Und man verschanzt sich hinter der Feststellung, daß diese algerische Résistance ja in zwei tödlich verfeindete Lager gespalten sei: in eine Minderheit um den „grand old man“ des algerischen Nationalismus, den in Angouleme internierten Messali Hadj, mit Schwerpunkt unter den in Frankreich lebenden Algeriern, und in die „Nationale Befreiungsfront“, welche anscheinend den größten Teil des Maquis kontrolliert. Was nun, wenn die Regierung Mollet in zum ersten Male nicht gefälschten Wahlen in den algerischen Departements einen legitimen Verhandlungspartner herauszudestillieren sucht und dabei in Scharen die Vertrauensmänner des Maquis gewählt werden?

Es hat Aufsehen erregt, daß vor kurzem Mohammed V. und Bourgiba fast gleichzeitig ihre Vermittlung in Algerien angeboten haben. Das gab einem Plan neuen Auftrieb, der seit langem schon in verschiedenen französischen Köpfen spukt: Warum nicht aus dem ganzen Maghreb eine konstitutionelle Monarchie machen – mit Mohammed V. als Sultan und Bourgiba als Premierminister? Wäre so vielleicht das gefährliche Vakuum Algeriens zu überbrücken?