Es gibt ein ursprüngliches Betroffen- und Ergriffensein von der Welt, auf das der Mensch nicht auf der Ebene seiner Rationalität, sondern durch Mythenbildung reagiert. Die rationale Wissenschaft bedeutet darum keineswegs, wie sie vorzugeben liebt, die restlose Überwindung oder gar Entlarvung des Mythos. Vielmehr scheint sie gerade in dieser angemaßten Rolle selbst der Macht des Mythos zu verfallen, weil sie den Geltungsraum des verdrängten Mythischen nie vollständig zu besetzen vermag, ohne für sich selbst jene Glaubenstotalität zu fordern, die dem Mythos von Hause aus eigen ist.

Die moderne Forschung hat den Mythos von dem Vorwurf einer unverbindlichen Primitivität griechischen Götterbildes ist die im Weltverständnis des Menschen im Sinne einer Uroffenbarung zu begreifende geistige Erfüllung und Vollendung der Natur. „Der Mythos der Griechen ist Menschengestalt“, der mythische Glaube erscheint als Wissen.

Walter F. Ottos Darlegungen sind durch Kenntnisreichtum, Scharfsinn und verhaltenes Pathos so bestechend, daß man seine trotz Goethes geistiger Vaterschaft wohl etwas überzogene Deutung des „Gesetzes“ als „Verstandesform des Urbildes“ fast auf den Aussagewert jedes einzelnen Satzes des ganzen Buches zu übertragen geneigt ist. Indem Otto seine Deutung des Mythos immer wieder an dem einzigartigen Griechenverständnis Hölderlins orientiert, leistet er einen bemerkenswerten Beitrag zur Interpretation dieses Dichters, dessen Werk hier als eine tiefsinnige Aufhebung des aufklärerischen Naturbegriffs in der klassischen Natur-Geist-Harmonie des griechischen Gestaltideals erscheint. Hier wird eine andere, im Guten wie im Schlechten revolutionär statt evolutionär verlaufende Stoßkraft mythischer Impulse der Neuzeit sichtbar. Erich Köhler