Selbst mit neunzig ist man beileibe kein „Methusalem“. Aber man ragt nun doch einsam in jene Altersregion hinein, die von Schriftstellern und Dichtern so bemerkenswert selten erreicht wird. Eine illustre Ausnahme machte da George Bernard Shaw, der noch vor einem halben Dutzend Jahren munter unter uns weilte.

Wenn einer neunzig wurde: dann ist ein Jahr, ehe er in die „Kinderschule“ kam, der Siebziger Krieg losgegangen. Dann war, als der jetzt Neunzigjährige in Köln seine Primajahre abmachte, gerade der Dombau abgeschlossen worden. Ganz recht: der Alte drückte schon die Schulbank, als Thomas Mann – ein „Sohn der Gründerjahre“ – sich erst eben „ins Dasein bequemte“.

Uns aber, den so manches Dezennium später Geborenen, klangen beider Namen wohl zuerst in irgendeinem Klassenzimmer entgegen. Beim einen waren’s die „Buddenbrooks“ (von 1901), auf die sich anfänglich allein der Ruhm gründete. Während sich vom älteren Emil Strauß die tragische Schülergeschichte „Freund Hein“ im Widerstreit der Meinungen behauptete.

„Der Teufel“ – so ließ sich damals (1902) der sechsunddreißigjährige Emil Strauß vernehmen – „hole euch alle mit eurem besten Wissen und Gewissen, wenn ihr nicht einen Funken von Gefühl habt für die Unantastbarkeit der reinen Natur!“ Im gleichen Geist setzt der Neunundsiebziger (in dem „ungewöhnlich herrlichen“ Frühjahr am Ende des zweiten Weltkrieges in ein Fremdenheim am Bodensee verschlagen) die Feder zu tiefgründiger, bohrender Lebensrückschau an.

Stets ist er „ein einzelner, nicht mehr im Kameradenstrom Mitschwimmender“. Das ist der Grundton seiner oft eigenwillig aphoristischen Aufzeichnungen von 1945, die nun, ein Jahrzehnt zunächst fremden Augen vorenthalten, erstmals das Kernstück einer autobiographischen Rechenschaft bilden, zu der überraschenderweise, in langer Reihe und als „Tagebuchblätter (1889–1951)“ zu lesen, auch Gedichte rechnen:

Emil Strauß: Ludens. Erinnerungen und Versuche (Carl Hanser Verlag, München. 317 Seiten. Leinen 14,50 DM).

Wer sich an den Roman „Das Riesenspielzeug“ erinnert, dem drängt sich sogleich die im Titel auch des neuen Buches liegende Ironie auf. „Spielend“, als Prototyp des „Homo ludens“, hat Emil Strauß seinen dornigen Pfad wahrhaftig nicht durchmessen! Wie verbissen hat er drüben in Brasilien und danach in seinem Gemüse- und Obstgarten auf dem Guggenbühl weit eher als „Homo faber“ nach innerem Gleichgewicht getrachtet... „Wie komme ich dazu, schreiben zu wollen, obwohl ich nicht einmal gern schreibe?“ So fragt er sich nach eigenem Geständnis fast verzweifelt, als schon „Der Engelwirt“, ja „Die Kreuzungen“ in ihm reifen, lange vor seiner erfolgreichen Erzählung „Der Schleier“. Wenn er zu etwas unfähig ist, dann höchstens dazu, sich etwas vorzumachen: „Schon seit jungen Jahren weiß ich mich als eine Gesellung zweier sich aneinander reibender, aneinander entzündender, einander verwünschender Gemüter, eines scharfen, jähen, unbesonnen ausbrechenden und eines selbstlosen, empfindsam nachgiebigen, ausgleichenden, das mich vermöge eines leisen Humors erträgt. Dieses zweite Gemüt hat schon in der ersten vierzigjährigen Lebenshälfte langsam das Obergewicht zu erreichen gewußt; aber sie sind beide als Sonderheiten nebeneinander wirksam geblieben, ein Ausgleich ist mir nicht gelungen...“