Das deutsche Volk ist in Wahrheit nach 1945 gebrochen worden. Alle, die heute das Wiederaufleben eines deutschen Nationalismus als das normale politische Erscheinungsbild ansehen, weil sie an die Wiederkehr der Geschehnisse zwischen 1918 und 1933 glauben, übersehen den weltweiten Unterschied zwischen 1918 und 1945. – 1918 bäumte sich ein Volk, das sich – sicherlich gegen die geschichtliche Wahrheit – als nicht besiegt fühlte, gegen die Niederlage auf, die groß genug war, einen tiefen Stachel in das Herz der Nation zu senken und nicht tief genug ging, um die Niederlage als eine unabwendbare und unwiderrufliche Schicksalskatastrophe empfinden zu lassen. Ein geistvolle Franzose hat einmal gesagt: Für einen so harten Frieden war der Versailler Vertrag zu milde.

Das politische Erscheinungsbild der Bundesrepuwird also nicht durch Radikalismus und Nationalismus gekennzeichnet, sondern zweifelsohne durch eine gewisse Müdigkeit. Die Deutschen haben fürs erste dem Radikalismus abgeschworen, aber das deutsche Volk hat auch den Träumen und Leidenschaften Adieu gesagt. Seine Begeisterungsfähigkeit und sein Wille zu hohen Zielen und großen Taten ist durch das Dritte Reich so sehr mißbraucht und aufgezehrt worden. Das ist das, was man gemeinhin den restaurativen Grundzug der Bundesrepublik nennt. Die Bundesrepublik ist zweifelsohne ein Staat ohne großen Wagemut, ohne die Unruhe des kühnen, nach neuen Wegen suchenden Geistes, der Staat, eines Volkes, dem die Flügel gestutzt worden sind.

Dabei ist das politische und soziologische Leben der Bundesrepublik keineswegs eine Restauration alter Formen. Nicht einmal die westdeutschen industriellen Führungsschichten sind in der alten Form wiedererstanden. Von der Restauration der alten deutschen Gesellschaft kann ohne die ostelbischen Führungsschichten, ohne das alte Heer – das trotz aller Aufrüstung noch lange nicht wieder da ist – kaum die Rede sein. Auch die politischen Formen sind keineswegs nur eine Wiederkehr der Erscheinungen und Einrichtungen vor 1933. Eigentlich haben nur die Gewerkschaften und die SPD einen kontinuierlichen Zusammenhang mit den entsprechenden Gebilden vor 1933 aufzuweisen. Alle anderen Parteibildungen sind Neuschöpfungen, ob nun glücklicher oder unglücklicher, gebrechlicher oder dauerhafter Art. CDU und CSU haben durch die Überbrückung des Gegensatzes von Katholizismus und Protestantismus ein neues Parteigebilde geschaffen. Die FDP hat den Zusammenschluß von liberal-demokratischer Partei und Nationalliberalen herbeigeführt, wie er 1918 scheiterte. Die Deutsche Partei ist mindestens auf den ersten Blick nicht als „Fortsetzung“ zu erkennen. Der BHE ist ein ganz neues Gebilde und hat übrigens wohl recht wesentlich zur Überwindung des Radikalismus in Deutschland beigetragen, weil er die am stärksten unter die Räder geratenen Schichten im Nachkriegsdeutschland, die Heimatvertriebenen, zu erfassen vermochte.

Ob sich das alles zu der schöpferischen Alternative in einem Zweiparteiensystem kristallisieren läßt, darüber ist in diesem Zusammenhang nicht zu sprechen. Die Mannigfaltigkeit und Gegensätze haben bisher jedenfalls nicht dazu geführt, daß die deutschen Parlamente so amorph und gestaltlos wurden, wie etwa die der lateinischen Völker. Das Gebot des jungen, erst werdenden und in der internationalen Welt gerade flügge gewordenen Staates war bislang – bislang – herrisch genug, um verschiedenartige politische Gruppen in einem Regierungsteam zusammenzuhalten. Die verfassungsmäßigen Sicherungen gegen einen leichtfertigen Regierungssturz – die bei einem Auseinanderfall der Regierungsmehrheit ohnehin in einem großen Maße illusorisch wären – bringen mindestens den Vorsatz zum Ausdruck, zu regieren und regieren zu lassen.

Dauernde Gebilde sind allerdings noch nicht entstanden. Es gibt keine absolute Sicherheit, daß nicht in dem Schmelztiegel der Neubildungen die alten Elemente wieder durchschlagen. Die biologische Schöpfungsgeschichte beginnt mit Amöben, knochen-und wirbellosen Lebewesen, und erst nachher bildet sich in den Organismen der Knochenbau. Die Anatomie der Bundesrepublik scheint dadurch gekennzeichnet zu sein, daß sie sich mitten in der Bildung dieses Knochenbaues befindet. Sie hat bewiesen, daß eine stabile Regierung in der Demokratie möglich ist, und muß noch beweisen, daß sie dies zu einer dauernden Regel und Ordnung zu gestalten vermag.

Es bleibt die Aufgabe, den Satz von Jakob Burckhardt zu widerlegen, den die Erfahrungen der Weimarer Republik und der lateinischen Völker zu bestätigen scheinen: „Das eigentliche politische Wesen der Völker ist eine Wand, in die man wohl diesen oder jenen Nagel einschlagen kann, aber der Nagel hält nicht mehr.“