Es ist mir gleichgültig, ob mein Matrose schwarze oder braune Haare, helle oder dunkle Augen hat, gleichgültig ist es auch, wie er heißt, doch muß er ein etwas finsteres Aussehen haben und herkulisch gebaut sein.

Warum ich einen Matrosen haben möchte? Das kam So: Schuld an allem ist eine geschäftstüchtige Amerikanerin, Mrs. Key Lane. Sie mußte als Vertreterin einer Versicherungsgesellschaft täglich allein lange Überlandstrecken in ihrem Wagen machen, sehr oft auch noch am späten Abend, wobei sie spät in der Nacht heimkehrte. Nun las Mrs. Lane nicht nur mit leisem Gruseln in den Zeitungen von Raubüberfällen auf allein im Auto reisende Frauen. Eines Tages entging sie selbst nur durch glückliche Umstände einem solchen Attentat. Seitdem sitzt auf ihren Fahrten „David“ an ihrer Seite, ein sehr kräftiger Bursche, der drohend auf die Landstraße blickt und mit dem anzubinden niemand Lust hat. Dieser starke David, der Mrs. Lane beschützt, kann sie niemals durch dumme Reden langweilen – er besteht aus Wachs. Er ist eine Art Schaufensterpuppe, genauso elegant, aber man vermutet hinter seiner dicken Kleidung Muskeln und Kraft beim flüchtigen Anblick im Vorbeifahren.

Mrs. Key Lang ist, wir sagten es schon, nicht nur einfallsreich, sondern auch geschäftstüchtig. Als ebenso geschäftstüchtig erwies sich eine Fabrik für Wachsfiguren in Chikago, der die Amerikanerin ihre Idee vortrug, „Beschützer“ für allein im Auto reisende Damen am laufenden Band herzustellen. Im Nu war ein großer Abnehmerkreis gefunden. Es hilft den Gangstern nichts, wenn sie von diesem Trick erfahren. Man kann nicht einen Überfall wagen, um erst festzustellen, ob der Kavalier der Dame nicht vielleicht aus Wachs ist. Bei dem schnellen Tempo der Autos auf den Überlandstraßen aber ist es nicht einwandfrei auszumachen, zumal die „Beschützer“ in ganz verschiedenen Ausführungen hergestellt werden, einmal als Offizier, ein andermal als Schwergewichtsboxer, als Jäger oder einfach nur als muskelstarker, breitschultriger „gentleman“ gekleidet.

Nun gehöre auch ich zu den Frauen, die aus Berufsgründen oft am Tage und in der Nacht in verschiedenen Ländern im Auto reisen müssen, und weiß ich denn, ob die europäischen Landstraßen und Autobahnen immer sicher sind? Darum möchte auch ich einen „Beschützer“ haben, der neben mir finster durch die Windschutzscheibe blickt und mich nicht durch das bei männlichen Begleitern so beliebte „Gib acht – du fährst zu schnell!“ langweilen kann.

In unserem guten alten Europa mit seinen vielen Nationen und Grenzen kann ich freilich keinen Fliegerleutnant oder Polizisten mitführen, der im fremden Lande zuviel Aufsehen erregen würde, und Schwergewichtsboxer sind nicht mein Fall. Prächtig fände ich einen Matrosen. Er könnte eine Phantasieuniform tragen, dunkelblau im Winter mit breitem Kragen und einem roten Pompon auf der Matrosenmütze, im Sommer in Weiß – unseren Landratten würde das nicht auffallen, und am Meer habe ich nichts zu tun.

Als Europäerin habe ich es natürlich schwerer als Mrs. Lane. Nicht, daß ich meinen Matrosen in Chikago bestellen müßte, den bekäme ich auch bei uns. Aber brauche ich für ihn zum Überschreiten der Grenzen einen Paß, ein Triptik oder ein Zollpapiere Als was soll ich ihn deklarieren? Was macht man mit ihm, wenn man in einer fremden Stadt ankommt? Im Auto lassen – natürlich! Wenn dann die Leute fragen: „Kommt Monsieur nicht mit?“ kann man schlicht antworten: „Nein, er ist aus Wachs!“ Und was soll mit ihm geschehen, wenn man von einer Reise heimkehrt? Er kann doch nicht immer den Platz an meiner rechten Seite besetzt halten. Am besten wäre es vielleicht, ich würde meinen Matrosen zwischen zwei Reisen mit ins Haus nehmen. Aber wie? Am besten wäre es, man könnte ihn zusammenlegen, um für ihn Platz in der kleinen Wohnung zu finden. Das wäre auch noch eine praktische Idee für Mrs. Key Lane in Chikago. Vielleicht könnte ich meinen Matrosen auch als originellen Kleiderständer in meiner Halle aufstellen, bis er wieder gebraucht wird.

Grete v. Urbanitzky