Kunststoffe, Atomenergie, Automation – Die neue Phase der industriellen Revolution

Von Edgar Salin

Für den Zeitgenossen ist es nie leicht, zu beurteilen, ob geistige Bewegungen oder technische Umwälzungen im Angesicht der Weltgeschichte eine sichtbare Wandlung hinterlassen werden. Unser Zeitalter scheint gekennzeichnet durch die Entdeckung der Atomkraft. Bisher haben sich mit der Frage der Anwendbarkeit und den Auswirkungen dieser epochalen Entdeckung fast ausschließlich Naturwissenschaftler und Techniker befaßt. Professor Edgar Salin, seit 1927 Ordinarius der Staatswissenschaften in Basel, ist der erste Volkswirtschaftler deutscher Sprache, der sich mit dem Problem vom Standpunkt der strukturellen Umgestaltung einzelner nationaler Volkswirtschaften beschäftigt. Edgar Salin, der dafür besonders autorisiert erscheint, weil er von jeher ökonomische Zusammenhänge unter historischem und geistesgeschichtlichem Aspekt untersucht und erläutert hat, kommt zu dem Ergebnis, daß wir mitten in einer zweiten Phase der industriellen Revolution stehen, die vielleicht die erste aus den Tagen Karl Marx’ weit in den Schatten stellen wird.

Es gehört heute zu den Binsenwahrheiten, daß um die Mitte des 18. Jahrhunderts in England eine radikale Veränderung von Wirtschaftstechnik, Wirtschaftsgeist und Wirtschaftsform eingesetzt hat, die wir gemeinhin als industrielle Revolution bezeichnen. Es erschien mir daher, als ich zum erstenmal die Bedeutung der Atomenergie erörterte, ganz selbstverständlich, von einer neuen Etappe der industriellen Revolution zu sprechen. Erst die Bemerkung eines angesehenen technischen Kollegen, eines Fachmanns der Rationalisierung: Er sehe den Wandel, aber er sehe nichts von „Revolution“ – erst diese Bemerkung hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß nicht nur die neue Phase zu beleuchten, sondern zuvorderst die Tatsache der „Revolution“ zu erhärten ist.

Dies mag von zwei Seiten aus geschehen. Zunächst, indem wir die Bedeutung der industriellen Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts mit den Worten ihres größten Lobredners kennzeichnen als die umstürzende Leistung des Bürgertums: Es hat „massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen, als alle vergangenen Generationen zusammen. Unterjochung der Naturkräfte, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen – welches frühere Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schoße der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten“! Diese Worte sind im Jahre 1847 geschrieben, ihr Verfasser ist Karl Marx, der Hymnus steht im Kommunistischen Manifest und ist, trotzdem, sachlich richtig. Sodann, indem wir die Stimmung der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts kennzeichnen, in welchem diese erste Phase der Revolution zu Ende ging. Damals schrieb Werner Sombart, der Historiker des modernen Kapitalismus, das Geleitwort zu seinem letzten Band. Zurückschauend glaubt er da (1927) feststellen zu können, daß die wirtschaftliche Spannkraft nachgelassen und die Sprunghaftigkeit in der Entwicklung aufgehört hat, daß die freie Konkurrenz durch das Prinzip der Verständigung ersetzt und das Gewinnstreben als allein bestimmender Richtpunkt des wirtschaftlichen Verhaltens entthront ist. Seine Ansicht faßte er dahin zusammen: „Was Marx sprach, war das stolze erste Wort über den Kapitalismus, in diesem Werk wird das bescheidene letzte Wort über dieses Wirtschaftssystem, soweit es rein ökonomisch in Betracht kommt, gesprochen. Damals war es Morgen und die Lerche sang, heute will es Abend werden, und die Eule der Minerva beginnt ihren Flug.“

Nun, die Eule der Minerva hat sich inzwischen wieder in ihre Schlupfwinkel zurückgezogen, und es ist evident, daß Sombarts resignierende Müdigkeit nicht ahnte, daß es nur eine Etappe des Kapitalismus war, die zu Ende ging. Wir sind die Zeugen einer anhebenden neuen Phase, die offensichtlich der Diagnose von Marx wieder näher steht. Und doch ist die neue Phase auch von jener grundsätzlich verschieden, die Marx analysierte; und doch hat die Kennzeichnung „Atomzeitalter“, so schlagwortmäßig sie klingt, eine tiefe Richtigkeit und zwingt zur Besinnung auf die anderen Kräfte und die anderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten, die vor uns liegen.

Indem ich die Bezeichnung „Atomzeitalter“ akzeptiere, bringe ich zum Ausdruck, daß ein anderes Zeitalter, das Zeitalter von Kohle und Eisen, zu Ende geht. Das bedeutet nicht, daß Kohle und Eisen nun ihren Wert verlieren; aber es bedeutet den Verlust ihrer zentralen Stellung im Wirtschaftsgefüge und Wirtschaftssystem. Das ist nun so zu verstehen: Der Frühkapitalismus ist dadurch charakterisiert, daß in ihm das Holz als Werk- und als Brennstoff überragende Bedeutung besaß; da das Holz sich in Europa praktisch überall finden, also – nationalökonomisch gesprochen – für den damaligen Bedarf eine Ubiquität gewesen ist, hat sich in jener Zeit das Gewerbe und die damalige kleine Industrie überall entwickeln und überall niederlassen können, in allen Dörfern und allen kleinen und größeren Städten. Als das Holz durch die Kohle verdrängt wurde, hat sich das grundlegend geändert. Denn die Kohle war lagergebunden und bis in dieses Jahrhundert hinein Gewichtsverlustmaterial, insbesondere beim Hochofenprozeß. Gewichtsverlustmaterial – das bedeutet: sie ist zwar als Grob- oder Brennmaterial ein unentbehrlicher Faktor bei mechanischen und chemischen Prozessen, bei Stoffveränderung und Stoffumwandlung – aber von ihrem Gewicht geht kein Partikelchen in das Produkt ein, während zum Beispiel vom Eisenerz das Erzgewicht in den Stahl eingeht. Da nun für alle Produktion die Transportkosten eine wichtige Rolle spielen, wird man der Regel nach nicht das Gewichtsverlustzum Reinmaterial, sondern nur umgekehrt das Reinmaterial zum Gewichts Verlustmaterial hinführen. Dies ist der Grund, warum sich im Zeitalter von Kohle und Eisen um die Kohlenlager herum die großen Industriemassierungen entwickelter. Dies ist der Grund, warum in allen europäischen Ländern, in denen die Kohlevorkommen geballt vorkommen, wie im Ruhrgebiet, an der Saar, in Oberschlesien, in Lothringen und so weiter, jene ungeheuren Produktionsstätten und jene Proletariermassen entstanden, die dem Hochkapitalismus das Gepräge gaben. Dies ist auch der Grund der gradweise verschiedenen Entwicklung in England, wo die Kohlevorkommen sich praktisch über das ganze Land verteilen und daher eine größere Streulage der Industrie als auf dem Kontinent ermöglicht haben.