Dd., Wiesbaden

Vor einer schwierigen Aufgabe stand das Gericht in Wiesbaden bei einer Verhandlung gegen die 26jährige Rosemarie R., die nach Angaben ihres Strafregisters und der letzten Anklageschrift als eine ganz gewöhnliche Betrügerin erscheinen konnte, deren verworrenes Seelenleben indessen der Suche nach Motiven unüberwindliche Hindernisse entgegensetzte.

Was wollte die junge Frau, die bereits Mutter zweier Kinder und nunmehr zum zweiten Male verheiratet ist, eigentlich mit dem Testament erreichen, das sie bei einem Notar in der hessischen Landeshauptstadt aufsetzte? Ein Nachlaß von 85 000 Mark sollte Gegenstand dieses Letzten Willens sein, und dazu gab Rosemarie ihren Mädchennamen falsch an und machte sich drei Jahre jünger. „Ich wollte als wohlhabende Frau erscheinen“, erklärt sie dem Gericht. Natürlich gehörten ihr niemals 85 000 Mark; sie lebte kümmerlich von der Fürsorge. Mit dem erdichteten Vermögen wollte sie nur Eindruck, auf ein befreundetes Ehepaar machen. Ja, wenn sie unter Hinweis auf ihren angeblichen Wohlstand Kreditschwindeleien begangen hätte... Aber das plante sie gewiß nicht, als sie ihren Letzten Willen aufsetzte. Was sie wirklich wollte, klingt phantastisch: ihren Freunden die Annahme von Geschenken erleichtern.

So schenkte sie denn jenem befreundeten Ehepaar parfümierte Seife, Spirituosen, ein Bügeleisen und zu guter Letzt noch einen Kühlschrank und eine Musiktruhe. Dabei begab sie sich schließlich doch noch auf das Glatteis der Ratenkaufbetrügerei; das blieb jedoch bei der Urteilsfindung unberücksichtigt.

Die Vorstellung, diesem Ehepaar verpflichtet zu sein, muß sich aus irgendwelchen Gründen entwickelt und in grotesker Weise verdichtet haben, so daß Rosemarie sich in die Position der guten und reichen Fee hineinlog, um ihre Freunde mit Geschenken überhäufen zu können. Das alles nicht ohne Bitterkeit: „Nur wer Geld hat, gilt diesen Menschen etwas, darum war ich gezwungen, auch Geld zu haben ...“

Rosemaries Verhalten war zu abwegig, um mit der Elle des Strafgesetzes meßbar zu sein; darum folgte das Gericht auch ohne Zögern dem psychiatrischen Gutachten und erkannte verminderte Zurechnungsfähigkeit an (für die auch physische Merkmale sprachen); hundert Mark Geldstrafe für das falsche Testament blieben übrig. Denn Rosemaries Abwegigkeit, das sah das Gericht auch, war gar nicht so unzeitgemäß ...