Marbach im Februar

Gerade wollte ich ansetzen, den ländlichen Winter ohne Schnee zu preisen, ich wollte die sparsame Palette von Grau, Oliv- und Brauntönen schildern und die fast schon friihlingshafte Unruhe, die sich hier in unserer Höhe von 800 Meter in kräftigen, wohlriechenden Winden, zu erkennen gibt – da brach es über uns herein: Schneefälle über Nacht, daß wir morgens kaum vor die Tür treten konnten! Leises Tauen über Mittag, singender Rauhreif dann und schließlich klirrender Frost. Neben der Gelegenheit zu besinnlich-sportlichen Vergnügen bietet die Schwäbische Alb jetzt das strengste graphische Schwarz-Weiß an, das dieser Landschaft nicht minder gut ansteht.

Wem es bei seinen Reisen nicht aufs „Berühmte“ ankommt, wer sich im Gegenteil einmal eine Winterlandschaft ohne Skilift und allzu bunten Skihasen wünscht, der findet hier das Richtige. Man kann ohne Anstrengung tagelange Skiwanderungen machen, gelegentlich sich einer kleinen Abfahrt erfreuen, Rast halten in bäuerlichen Gasthäusern, bei Obstschnaps und Rauchfleisch, wenn man Lust dazu verspürt, und einen tiefen Schlaf unter bauschigen Federbetten tun. Wer solche „romantischen“ Wünsche hat, hier werden sie erfüllt. Man kann zurücktauchen in die Frühzeit der Skier und sie benutzen, wie man es in ihren Ursprungsländern heute noch tut – wo sie schlichtes Beförderungsmittel sind und kein Ausweis für mondäne Flottheit.

Niemand wird mich für einen allzu eifrigen Proselyten des schlichten Landlebens halten, so hoffe ich, wenn ich die oft verkannte Schwäbische Alb lobe. Ich will es auch gewiß nicht allzu laut tun, schon um nicht jene emsigen Scharen des Tourismus herzuziehen, die wir bisher ganz gern hier entbehrten. Es kommen nämlich hierher eigentlich nur Kenner und Liebhaber, und die zu allen Jahreszeiten. Viele aus den größeren und kleineren Städten Württembergs natürlich, aber durchaus auch verständnisvolle und zünftige „Zugereiste“. Zwar hört man immer noch schaudernd von der „Rauhen Alb“ sprechen, aber sie ist nicht rauher als andere Landschaften, die^sich auf der gleichen Höhe – zwischen 700 und 900 Metern – hin bewegen. Man taufte sie ja schließlich in Schwäbische um, damit nicht wegen eines abschreckenden Namens die Touristen alle daran vorbeifahren. Sie ist nicht gefällig, nein. Sie bietet sich dem Fremden nicht leicht und mit üppigen Formen an. Man muß schon eine Weile mit ihr leben oder auf immer wiederholten Wegen um sie werben, will man ihren geheimeren Reizen auf die Spur kommen. Dennoch ist sie nicht unbedeutend oder gar harmlos. Sie gehört trotz ihrem nicht allzu ausgedehnten Terrain, das sich von Nördlingen bis nahezu an den Bodensee zieht, zu den „großen“ Landschaftsnaturen, zu den kräftig ausgeprägten und widerspruchsvollen. Das Erregende ihrer Bildung ist nicht von Lieblichkeit überwuchert. Die Kegel früh erloschener Vulkane lassen die drängende Kraft ihrer Ursprünge ahnen. Viele ihrer sanfteren Reize sind jetzt unter dem Schnee begraben. Wenn es dem Besucher um die einzigartige Flora geht – zu der unzählige Knabenkräuter, Orchideen und das böse duftende Türkenbund gehören – so muß er schon im hohen Sommer kommen. Aber die Größe und Entschiedenheit ihrer Formen wird vielleicht durch das winterliche Weiß noch kräftiger hervorgehoben. Wer geologische Neigungen hat, trifft hier auf ein ideales Gebiet für seine Studien. Nirgends finden sich die Schichten des Jura – des Schwarzen, Braunen und Weißen – so übersichtlich voneinander geschieden, wie hier auf der Alb – nirgends sonst wird dem gesteinskundigen Amateur so rasch ein hübscher Fund an kleineren oder größeren Versteinerungen gelingen. Freilich auch das sind Vergnügungen für den Sommer oder den langen und sanften Herbst hier oben.

Auch die Dörfer übrigens, die sich auf römischem Siedlungsland in suebischer und fränkischer Zeit anbauten, haben eine alte Geschichte. Aber sie hält sich versteckt: im Erdboden, im alten Straßenzug, hinter den Mauern von Friedhöfen. Man liest sie aus verborgenen Grabsteinen, hie und da aus einem gewaltigen Turm, einem Herrenhaus, einer unzerstörten Kirche, einer bemoosten Brunnenfigur, die auf eine bedeutendere Vergangenheit hinweisen. Im ganzen aber ist die Geschichte einverleibt in das gegenwärtige Dasein. Man macht kein Aufhebens davon. Sie ist noch nicht zum Ausweis geworden, daß man fremdenverkehrswürdig ist. Man sollte nicht die kleinen Gasthäuser vergessen. Einige von ihnen haben sich auf sinnvolle Weise modernisiert. Überall bekommt man auf Wunsch ein kräftiges und gutes Essen und ein sauberes Bett zu sehr erträglichen Preisen. Wenn man an Wochentagen einkehrt, sollte man das Staunen über den seltenen Fremden und das verzögerte Mittagsmahl gelassen hinnehmen. Beides ist immer noch besser, finde ich, als die allzu gefällige Routine, die nur noch die Zahlkraft der Besucher abschätzt.

Wer auf der Fahrt durch die Schwäbische Alb nach Süden bis Reutlingen vordringt, darf nicht vor dem neuen Glanz dieses bienenfleißigen und ständig wachsenden Zentrums der schwäbischen Textilindustrie erschrecken. Man setze sich getrost in den kleinen dunkelroten, Schienenbus, der den Reisenden einspurig rasch und bequem aus den vorgelagerten Fabrikorten immer höher hinaufträgt. In Hönau schafft er es nicht mehr allein – eine Zahnradlokomotive älterer Bauart wird ihn dann unter ungeheurem Stöhnen und mächtigen Dampfwolken nach oben schaffen. Wenn man auf der rechten Seite sitzt, so kann man so im langsamen Hinaufgeschobenwerden hinter den zarten Federstrichen winterlich kahler Buchenwälder die Silhouette des Lichtenstein aufsteigen sehen. Wilhelminische Zu- und Untat verblaßt in der Entfernung. Der Traifelberg gilt als bestes Skigelände im weiteren Umkreise und besitzt ein wohlrenommiertes Hotel.

Es gibt aber auch die schöne Möglichkeit, bis Offenhausen weiterzufahren, wo in einem alten Klostergarten die Lauter entspringt, die man nun auf dem weiteren Wege nicht ganz aus den Augen verlieren sollte. Wer Pferde mag, sollte einen Blick nach Marbach tun, in das älteste deutsche Gestüt. Hier schnallt man am besten die Skier an und gleitet leise hinein in das benachbarte Naturschutzgebiet. Es wird sich durch ein Reiherpaar ankündigen, das anmutig dem weißen Rauch über dem Wasser entsteigt und irgendwo im Wiesengebüsch verborgen sein scheues Leben führt. Dachs und Fuchs begegnen dem Skiwanderer, aber kaum ein Mensch.

Wenn man sich von Marbach aus südöstlich hält, trifft man in dem Doppeltal, das zwei Albflüßchen gebildet haben, auf die Abtei Zwiefalten. Hier greift das süddeutsche Temperament mit seiner schwingenden, prallen Heiterkeit in die herberen Formen der Landschaft über. Hier ist der Eingang zum oberschwäbischen Barock, der um so üppiger und dichter wird, je näher man der duftigen, sanfteren Bodenseelandschaft kommt. Aber man sollte sich nicht zu weit südlich locken lassen. Die besseren Abfahrten hat man auf der eigentlichen Alb, ja, hie und da findet man sogar eine bescheidene Sprungschanze vor, die der „Albverein“ oder eine sportfreudige Gemeinde errichtet haben. K. St.