Trotz der Spaltung ist Westberlin mit seinen 2,2 Millionen Einwohnern noch immer die größte deutsche Stadt. Ihre derzeitige unnatürliche Insellage hat nicht zu letzt auch wirtschaftliche Schwierigkeiten zur Folge, die Anlaß zur Sparsamkeit und damit zwangsläufig zur Auf geschlossenheit gegenüber rationellen Neuerungen sind Die Gaskokerei Mariendorf, die leistungsfähigste der drei Produktionsstätten der Berliner Gaswerke „Gasag“, ist unter diesem Gesichtspunkt seit 1953 zu einer der modernsten Anlagen Deutschlands ausgebaut worden, die ein Höchstmaß an Wirtschaftlichkeit gewährleistet. Mit einer Spitzenkapazität von über 1,5 Mill. cbm täglich ist die „Gasag“ der größte deutsche Gasversorgungsbetrieb. Wenn diese Kapazität im allgemeinen auch nicht voll ausgenutzt wird, so hat doch vor allem die ständig steigende Verwendung von Gas zu Heizzwecken eine rechtzeitige Vorsorge für die Spitzenzeiten des Winters erforderlich gemacht, in denen z. Z. täglich etwa 130 v. H. mehr Gas verbraucht wird als zu den niedrigsten Abgabezeiten im Sommer.

Bei der Suche nach einer Anlage zur Erzeugung von Spitzengas ging es nicht nur um die Anwendung eines möglichst wirtschaftlichen Verfahrens, sondern auch um die schnelle Einsatzbereitschaft. Diesen Erfordernissen entspricht die jetzt in Betrieb genommene erste Ölspaltanlage Deutschlands, die innerhalb von nur elf Monaten errichtet worden ist. Sie arbeitet zunächst auf der Basis von Braunkohlenschwelteer und kann später unter anderen Preisverhältnissen auch mit schwerem Heizöl beschickt werden. Gegenüber dem klassischen Gewinnungsverfahren auf Kohlebasis werden hier nur flüssige Kohlenwasserstoffe und überhitzter Wasserdampf gebraucht, die durch einen Katalysator gespalten und in Stadtgas mit den gleichen Brenneigenschaften wie das aus Kohle gewonnene Gas verwandelt werden. Außer dem Vorteil, daß Kohle oder Koks weder verbraucht noch erzeugt werden, bietet die von der Demag errichtete Anlage die Möglichkeit, augenblicklich in oder außer Betrieb gesetzt zu werden, überdies sind die Investitionskosten nur etwa halb so hoch wie die der bisher üblichen Anlagen. In der ersten Ausbaustufe, der bei Bedarf zwei weitere folgen sollen, können täglich bis zu 100 000 cbm Spitzengas erzeugt werden. Ein ähnlicher Ölreaktor wird voraussichtlich in wenigen Wochen in Stuttgart seinen Betrieb aufnehmen.

Auch der zweite Energieversorgungsbetrieb Berlins, die Berliner Kraft- und Licht- (Bewag) AG, muß dem steigenden Bedarf in den nächsten Jahren durch Investitionen Rechnung tragen, die auf etwa 210 bis 230 Mill. DM veranschlagt werden. Dieser hohe Kapitalbedarf hat den Berliner Senat zu Erwägungen veranlaßt, ob angesichts der technischen Entwicklung trotz der zunächst etwas höheren Kosten – in England werden bereits Atomkraftwerke für etwa 300 Mill. DM gebaut – nicht die Errichtung einer solchen Anlage vorzuziehen wäre. Im Augenblick sind die Kosten der Stromgewinnung in Atomkraftwerken zwar noch erheblich höher, als nach dem bisher üblichen Verfahren. Vermutlich könnten sie aber bereits in wenigen Jahren beträchtlich gesenkt werden. Die Leitung des Unternehmens hält die Verwirklichung solcher Pläne frühestens in etwa vier Jahren für möglich. Sie hat sich aber dazu entschlossen, sofort mit den Vorbereitungen zu beginnen. Zunächst wird unter der Leitung eines Atomwissenschaftlers eine Arbeitsgruppe sich mit der Technik der Atomenergie vertraut machen. Von 1958 an rechnet man dann mit einer mindestens zweijährigen Planungszeit Eine volle Umstellung der bis 1960 vorgesehenen vier neuen Kraftwerkseinheiten von je 50 000 kW auf Atomenergie kommt schon deshalb nicht in Betracht, weil drei von ihnen bereits gebaut werden oder in Auftrag gegeben sind. Da die Leitung der Bewag noch sehr darüber im Zweifel ist, ob die Stromgewinnung auf der Basis der Atomenergie schon in wenigen Jahren rentabel sein kann, hat sie vorgeschlagen, statt des von den Amerikanern geplanten Heizkraftwerkes auf Olbasis zur Eigenversorgung des Flughafens Tempelhof, das eine Kapazität von 2600 kW haben soll, ein kleines Atomkraftwerk mit einer Leistung von etwa 5000 kW zu errichten. Eine Anlage von dieser Größe und für diesen Zweck, die mit etwa 10 Mill. DM das Doppelte eines mit Heizöl betriebenen Kraftwerkes kosten würde, müßte nicht unbedingt rentabel arbeiten und wäre als Ausbildungsstätte sowohl der Wissenschaft als auch der Praxis wertvoll. Die Verwirklichung dieser Anregung käme gleichzeitig den Bemühungen des Senats entgegen, Berlin einen festen Platz in der deutschen Atomforschung zu sichern. G. G.

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Veränderung im Vorstand der British Petroleum Company. Lord Strathalmond, der Chairman der British Petroleum Company Ltd., London, wird mit dem 31. März auf eigenen Wunsch seinen Vorsitz im Vorstand der Gesellschaft niederlegen. Er steht im 60. Lebensjahr und wird zum Zeitpunkt seines Ausscheidens dem Vorstand der British Petroleum Company 33 Jahre, davon 28 Jahre als Vorsitzer bzw. stellv. Vorsitzer, angehört haben. Der Vorstand der British Petroleum Company hat mit Wirkung vom 1. April Mr. Basil R. Jackson, den jetzigen stellv. Vorsitzer, zum Vorsitzer des Vorstandes und Mr. Neville A. Gaß zum stellv. Vorsitzer ernannt. Es ist auch beabsichtigt, The Hon. Maurice Bridgeman in den Vorstand der Gesellschaft zu berufen.

Mehrumsatz der Edeka-Genossenschaften. Die 231 Edeka Genossenschaften im Bundesgebiet einschließlich Westberlin verzeichneten 1955 einen Gesamtumsatz von 1,242 Mrd. DM.