Kommt sie wirklich noch immer „an“ beim Publikum, „Charleys Tante“, die unverwüstliche Schwankfigur? Tatsächlich, ob auf der Bühne, ob Eastman-Color oder Schwarz-Weiß-Film, ob Breit- oder Normalwand in dem Augenblick, da die Situation den angesehenen Dr. Dernburg zwingt, die Rolle der millionenschweren Tante beim Rendezvous zweier junger Liebespaare zu spielen, gibt es immer noch genug Lacher.

Zu den vielen Remakes gehört also auch die Neuverfilmung des Schwanks von Brandon Thomas und sie wird ein bombensicheres Geschäft sein, da Heinz Rühmann die Titelrolle hat. Der Komiker Rühmann hat in der jüngeren Filmgeneration noch keinen Nachfolger gefunden. Er will nicht Komiker sein, er ist es, in ihm sind vom alten Horaz-Wort Ridendo corrigo mores bis zur Novalis-Forderung „Wo Vernunft und Willkür sich verbinden, entsteht Humor“ alle Erfahrungen und Gesetze, bewußt oder unbewußt, lebendig; er beherrscht die Skala von der Kammertonpointe bis zum derb-saftigen, die äußerste Grenze des „Anständigen“ so eben noch wahrenden Klamauks; er weiß, daß Licht ohne Dunkel nichts ist, und im Scherz, in der Drolerie die leise Ahnung vom Tragischen und Hintergründigen mitschwingen muß. Er nahm sich am Anfang seiner Laufbahn Zeit, und nimmt sie sich auch heute noch, und deshalb braucht er die Zeit nicht zu fürchten.

Es stört gewiß nicht, daß man das Geschehen in die Gegenwart verlegte. Da man jedoch den Schwank in seiner alten Gestalt ganz richtig für passé hielt, versuchte man nach allzu üblichem Filmrezept, den Rahmen zu erneuern und die menschlichen Beziehungen der Personen zueinander zu intensivieren. Dadurch ist die Vorbereitung der Schwanksituation jedoch zu lang geraten und immer dann farblos, wenn Rühmann nicht selbst auf der Szene ist. So sauber und einfühlsam Hans Ouest auch Regie führte, gegen die Unbedarftheit der beiden jungen Freundinnen (Elisa Loti und Ina Peters) kam er nicht an, und selbst ein so versierter und arrivierter Komiker wie Walter Giller hat es, trotz guter Rolle, schwer, seine etwas verkämpfte Gegenwartskomik gegen die echt gewachsene Rühmanns zu behaupten. Es bleibt zu vieles aus dem Ärmel geschüttelte „Masche“. Dafür ist wer in den großen Tantenszenen, in denen Paul Hörbiger und Hans Leibelt Rühmann kräftig und mit dem guten Instinkt alter, geschulter, das Handwerk beherrschender Theater- und Filmhasen assistieren, die belebende Verwandtschaft mit Stegreifkomödie und Fastnachtspiel spürbar.

Bei einer Diskussion nach der Premiere in Hannover zu dem von Rühmanns selbstgewählten Thema: „Wie verfilme ich einen Schwank“ drängte sich eine andere Frage in den Vordergrund: „Kann heute noch jemand einen Schwank schreiben?“ Der Film gab keine positive Antwort. Wir haben keinen Hans Sachs, keinen Nestroy und keinen Brandon Thomas mehr, aber der Situationen, die sich phantasievoll zu einem wirkungsvollen, guten Schwank vereinen ließen, ist Legion, auch heute noch oder gerade heute. Ein Seitenblick auf die humoristischen Zeichner der Gegenwart sollte uns hoffen machen: Steinberg, Thurber oder Disneys Team. Auch im ausländischen Filmschaffen gibt es manch gutes Beispiel. Vieles und Entscheidendes wäre zu erreichen, wenn der deutsche Bühnen- und Filmautorennachwuchs, der sein Handwerk; aus Zeit- und Geldmangel nicht lernen konnte, durch Produktionen und Verlage die Möglichkeit bekäme, es noch zu lernen, so daß er sich nicht mehr, wie es auch beim darstellenden Nachwuchs leider der Fall ist, in die publikumswirksame „Masche“ verlieren muß, sondern von der kleinlichen, oft bös gefärbten Zeitkritik in die menschlich genährte, lachend die Sitten korrigierende Form findet, mit der Beherrschung des Handwerks auch sein Ich bändigen und entwickeln lernt. „Wir haben vier Bücher geschrieben, ehe wir zu der endgültigen Drehbuchform Gustav Kampendonks fanden“, gestand Rühmann, und er gestand weiter, daß die schmerzliche ihm auferlegte Wartezeit nach dem Kriege der Reifeprozeß war, der erst seine Leistungen in „Warten auf Godot“ und „Wenn der Vater mit dem Sohne“ wie seine neuen Filmpläne, die neue Verfilmung des „Hauptmann von Köpenick“ und „Schneider Wibbei“, möglich gemacht habe. Begabungen sind gewiß heute nicht soviel weniger als zu anderen Zeiten vorhanden; aber man nimmt sich nicht die Zeit, Pläne und Stoffe ausreifen zu lassen, im Produktionsprogramm fehlt jede Disposition für diesen notwendigen Reifeprozeß. Die Frage nach dem „Wie“ der Inszenierung könnte von den Regisseuren soviel leichter gelöst werden, wenn sie Stoffe aus unserem Lebensraum hätten und nicht alte und fast unbrauchbare erst entstauben müßten. H. K.