Es war einmal ein Bürgermeister, und es waren einmal Stadtväter, die hatten das Gefühl, etwas zur Hebung des Fremdenverkehrs tun zu müssen, und da ihnen – wie manchem Bürgermeister und manchen Stadtvätern – dazu nichts Neues einfallen wollte, beschlossen sie, aus der Arbeit und dem Ruhm eines Toten Geld zu machen. Der Tote hieß Hans Christian Andersen, die Stadt hieß Odense, und es geschah im Jahre 1955.

In diesem Jahr hätte der Märchendichter, wenn er nicht gestorben wäre, seinen 150. Geburtstag gefeiert. Und also ward dies Jahr für Odense zum Andersen-Jahr, obwohl bei dieser Gelegenheit taktloserweiser darauf hingewiesen werden soll, daß die Dänen im allgemeinen und die Odenser im besonderen zu Lebzeiten des Dichters nicht so arg viel von ihm wissen wollten. Aber damals gab’s ja auch noch keine Festspielwochen.

Die Andersen-Festspiele wurden tatsächlich sensationell, so sensationell, daß die Landsleute des großen Dänen, die eine sympathische Neigung besitzen, unernste Dinge nicht ernst zu nehmen, sich am meisten über den monströsen Klimbim amüsierten. Die Zahl der Festansprachen und Kommentare wurde glücklicherweise nicht gezählt. Es gab täglich Lesungen und Aufführungen in mehreren Sprachen, Andersen-Briefmarken, Andersen-Kantaten, Andersen-Postkarten – und aus dem Geburtshaus des bis zur Vernichtung Gefeierten übertrug das Fernsehen eine Ansprache des Königs Frederik über Andersen. Nichts spricht dagegen, daß Andersen, der ein sonst guter Mensch, eingestandenermaßen aber ungewöhnlich eitel war, sich über diesen Aufwand gefreut hätte, obwohl der völlig an seiner wirklichen Bedeutung vorbeiging. Aber das Andersen-Bier – es wurde in jenen Tagen tatsächlich unter diesem Namen verkauft – wäre wahrscheinlich auch ihm hochgekommen. Noch übler wäre ihm geworden – gemeinsam mit den Veranstaltern –, hätte er von der größten Sensation, den Andersen-Festspielen, erfahren. Sie wurde erst vor kurzem bekannt, als die Fremdenverkehrsstatistik das märchenhafte Fiasko enthüllte, das die Märchenfestspiele erlitten. In der Festspielsaison kamen nämlich – nicht etwa mehr, sondern fünfhundert Touristen weniger nach Odense als in der voraufgegangenen, festspielfreien Saison.

So ist denn also die Zeit der Märchen vorüber, werden die Stadtväter von Odense mit einer Träne in ihren sicherlich blauen Augen sagen! Halt, ihr Stadtväter: Ob’s nicht vielmehr so war, daß die Leute ganz vernünftigerweise den Festspielzirkus fürchteten und sich gesagt haben: dies Jahr fahren wir aber nicht nach Odense. Man wird kein anständiges Zimmer zu einem anständigen Preis bekommen, es wird von Fremden wimmeln, vor Andersens Geburtshaus und Museum wird man Schlange stehen müssen, und die Preise von den Brötchen bis zum Eau de Cologne werden höher sein als sonst. Fahren wir also woanders hin. Nach Odense können wir immer noch. – Kann man dies den Leuten verdenken? Aber Andersen kann einem leid tun, dem man einen schlechten Dienst erwies ...

Ich aber melde mich wieder, wenn die Statistiken der Mozart-Festspiele vorliegen. Gott schütze Mozart j. p.