Der Hüter der Währung ist ebenso wichtig wie der Hüter der Verfassung. Denn auch die Währung ist ein Stück der Mauer, die unsere demokratische Lebensform umfriedet.

Der Hüter unserer bundesdeutschen Währung, Geheimrat Vocke, wies in einer Rede vor dem Hamburger Überseeclub am 7. November 1955 mit berechtigtem Stolz darauf hin, daß die D-Mark zu den stabilsten Valuten der Welt gehört: Parikurs auf dem internationalen Devisenmarkt und hundertprozentige Deckung durch Gold und Devisen! Es gibt also keinen Grund zur Sorge. Aber – so sagte Geheimrat Vocke – Grund zur Besinnung und zur Warnung!

Die Rede im Überseeclub, die schon deshalb Aufsehen erregte, weil Geheimrat Vocke nur selten in der Öffentlichkeit spricht, hatte – vor allem den Zweck, die Gründe für jenen „Warnschuß“ aufzuzeigen, zu dem sich die deutsche Notenbank am 3. August des vergangenen Jahres veranlaßt sah. Vocke zog damals die „Kreditbremse“ an, weil ihm das Tempo der westdeutschen Wirtschaftsexpansion zu schnell, die Konjunkturkurve zu steil schien. „Wozu solche harten Maßnahmen?“, tadelten viele Vertreter der deutschen Wirtschaft. – „Weil man eine harte Währung nicht mit weichen Maßnahmen aufbauen und verteidigen kann“, war seine Antwort.

Notenbankpräsidenten müssen offenbar von Zeit zu Zeit unpopuläre Beschlüsse fassen, und es gehören gute Nerven dazu. Geheimrat Vocke, Präsident des Direktoriums der Bank deutscher Länder (so lautet sein vollständiger Titel), verfügt trotz seines Alters – er feiert am 9. Februar seinen 70: Geburtstag – über gute Nerven. Nicht, daß er in einem Panzer steckte, durch den nichts hindurchginge, seine Willensfestigkeit ist anderen Ursprungs. Er faßt keinen Entschluß, der nicht wohlüberlegt ist und der nicht seiner innersten Überzeugung entspräche. Das zeigte sich schon vor 17 Jahren, als er in eine an Hitler gerichtete Denkschrift den Satz hineinschrieb: „Es muß der expansiven Außenpolitik des Reiches Einhalt geboten werden ...“ Vocke wurds daraufhin aus sämtlichen Ämtern entlassen.

Neben dem Wächteramt, das mitunter Härte, ja Einseitigkeit erfordert, ist Maßhalten die wichtigste Tugend eines Mannes der Notenbank. Dennoch verliert dieser im besten Sinne des Wortes Konservative nie das Gefühl für die Erfordernisse des Tages und die Veränderungen der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse.

Wilhelm Vocke stammt aus einem fränkischen Pfarrhaus. Seine Gymnasial- und Studienjahre verwurzelten ihn tief in der deutschen humanistischen Tradition. Doch sein Streben galt schon früh praktischen Aufgaben in Staatsdienst und Verwaltung. Vor allem dem Finanz- und Wirtschaftsressort. Nach Abschluß seiner juristischen Ausbildung fand Vocke schnell den Weg aus seiner süddeutschen Heimat nach Berlin. 1919 wurde er mit 33 Jahren als jüngster Direktor in die Leitung der Reichsbank berufen. Seine Mitarbeit an der Währungsreform von 1923/24 brachte ihn in engen Kontakt mit den damals entscheidenden Männern, vor allem mit Helfferich, Luther und Schacht. Anschließend wurde er zu den Gründungsarbeiten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel herangezogen. Auf vielen internationalen Konferenzen vertrat er die Reichsbank und erwarb sich dabei das Vertrauen der internationalen Finanzwelt. Dies wurde später ein wichtiges Aktivum, als es nach dem Zusammenbruch galt, Westdeutschland wieder in die Gemeinschaft der Völker zurückzuführen. Bereits 1950 wurde er wieder in den Verwaltungsrat der Baseler BIZ berufen. Seit 1952 ist er der deutsche Gouverneur beim Internationalen Währungsfonds in Washington.

Bei allem äußeren Erfolg und allem Ansehen im In- und Ausland ist Vocke persönlich ein bescheidener Mann geblieben. Ein Feind von Prunk und falschem Aufwand. Er sucht gern Erholung bei seinen mit Liebe und Verständnis gesammelten Bildern, beim Klavierspiel, beim Reiten oder im Gespräch mit Freunden, die seinen geistigen und persönlichen Charme zu schätzen wissen. Vockes hervorragendste Tugend ist aber wohl seine Unabhängigkeit. Jede Dogmatik wirtschaftlicher oder politischer Art ist ihm fremd. Er gehört keiner bestimmten „Schule“ an und noch viel weniger irgendeiner Interessengruppe. Diese Unabhängigkeit ist nicht Selbstzweck oder persönlicher Luxus, sondern Dienst an der Sache. Und persönliche Unabhängigkeit ist schließlich für einen Notenbankpräsidenten die wichtigste Voraussetzung zur Erfüllung seiner Aufgabe: der Verteidigung der Währung.