Im Züricher Schauspielhaus wurde das neueste Theaterstück von Friedrich Dürrenmatt, dem fünfunddreißigjährigen Schweizer, aufgeführt. Aber im Gegensatz zu seinen bisherigen, oft verwirrten und gewollten Stücken, hat Dürrenmatt ein Drama geschrieben – er selbst nennt es "tragische Komödie" –, das ausgezeichnet konstruiert ist, das wirklich eine zusammenhängende, logische, sinnvolle Handlung besitzt und einen geradezu grandiosen Grundeinfall.

Irgendwo in Europa liegt das Städtchen Güllen. Früher gab es hier Fabriken, es wurde verdient, es herrschte Wohlstand. Jetzt haben die Fabriken schon seit langem geschlossen, es herrscht Arbeitslosigkeit, Not und Elend. Früher hielten in Güllen die internationalen Expreßzüge. Jetzt rasen sie durch – dies ist die erste Szene.

Da erscheint ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Die berühmte Claire Zachanassian, Besitze rin armenischer Ölfelder (ihr Name ist laut Autor eine Zusammensetzung von Zacharoff, Onassis und Gulbenkian), vielfache Milliardärin, hat ihren Besuch angekündigt. Diese Dame ist ein Kind der Stadt, wo sie als Kläri Wäscher aufwuchs. Die Bürger von Güllen raunen einander zu, daß die Zachanassian bereits Millionen für wohltätige Zwecke ausgegeben hat. Vielleicht wird sie auch etwas für ihre Heimatstadt springen lassen?

Da ist sie auch schon. Man hat sie mit einem der beiden Personenzüge erwartet, die noch in Güllen halten. Sie aber ist mit dem Expreßzug angekommen, den sie einfach dadurch anhalten ließ, daß sie die Notbremse zog. Sie erscheint mit einem grotesken Gefolge: ihr siebenter Mann befindet sich darunter, zwei blinde Eunuchen, ein Butler, der früher Oberrichter in Güllen war, zwei Gangster aus Sing-Sing, die einen leeren Sarg tragen.

Die Begrüßung erfolgt durch den Gemischtwarenhändler, der jetzt auf die siebzig geht, aber einst, vor fünfundvierzig Jahren, der Geliebte der Kläri Wäscher war. Er erinnert sie an gemeinsam verbrachte Stunden. Und wirklich: sie scheint aufzutauen. Und sie erklärt sich bereit, der Stadt eine Milliarde zu schenken. – Dafür will sie nur eines: Gerechtigkeit.

Denn ihr wurde keine Gerechtigkeit in Güllen. Sie erzählt den unbehaglich zuhörenden Bürgern, daß sie als junges Mädchen den Mitbürger III geliebt hat. Als sie spürte, daß sie Mutter werden sollte, bat sie ihn, sie zu heiraten. Er dachte nicht daran. Sie klagte auf Anerkennung des Kindes. III bestach zwei junge Männer, die Meineide schwuren, auch sie hätten etwas mit Kläri gehabt. Daraufhin wurde sie abgewiesen. Das Kind starb. Sie selbst verschwand in einem Bordell. Und als sie wieder auftauchte, war sie die Frau des berühmten Ölkönigs Zachanassian.

Ja, sie ist bereit, eine Milliarde zu stiften. Ihre Bedingung: Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit, die ihr damals nicht wurde. Etwas Gerechtigkeit hat sie schon selbst ausgeübt. Die beiden jungen Leute, die damals falsch gegen sie aussagten und die später auswanderten – nach Australien und Kanada –, wurden von ihren Agenten verfolgt, gefangen, kastriert, geblendet. Die beiden Eunuchen sind jene falschen Zeugen von damals. Jetzt will sie den Tod des Übeltäters Ill! – Allgemeines Entsetzen. III kann nicht abstreiten, wie er es damals tat, aber er schreit: "Das ist ja alles längst verjährt!" Der Bürgermeister, der schon die Hand nach der Milliarde ausstreckte, zieht sie zurück. Dann eben nicht! "Schließlich sind wir in Europa!" Die Zachanassian: "Ich werde warten!"