Von Paul Hühnerfeld

Als Platon seine Akademie gründete, war die griechische Kultur in die Hände der Sophisten geraten. Sie hatten daraus einen Betrieb gemacht, i dem sich Vetternwirtschaft mit melancholischem pihilismus, die Lust zu schillernden Aperçus über Weisheit, Leben und Tod mit einer im ganzen negativen Ansicht vom Menschen paarten. Es war die unverbindliche Amoralität, die den platonischen Sokrates störte und in philosophischen Harnisch brachte. Gegen die Sophisten gründete Platon seine Akademie. Gegen den Kulturbetrieb wollte er ein absinken des Niveaus der wahrhaften Freunde der Weisheit verhindern.

Nun unterschieden sich die Sophisten damals von den Kulturfunktionären heute durch ein überragendes Ausmaß an Bildung. Sie standen auf der Höhe des Geistes ihrer Zeit, was man heute noch nicht einmal von jedem bundesstaatlichen Kultusminister behaupten kann. Hängt es damit zusammmen, daß in den letzten Jahren die Akademien wieder aus dem Boden schießen, so daß nunmehr allein in den Jahren nach dem Kriege über ein dutzend Neugründungen in Westdeutschland und Berlin zu verzeichnen sind?

Diesen zahlreichen Neugründungen hat sich nun als letzte eine Akademie der darstellenden Künste in Hamburg zugesellt. Die Initiative für ihre Gründung geht von dem Schriftsteller und Dramatiker Günter Weisenborn aus; ein erster Programmpunkt der neuen Akademie soll die „Hebung des guten Geschmacks“ sein, außerdem will man „das Kulturbewußtsein der Öffentlichkeit fördern“.

Wenn man sich auch nachgerade wünschen möchte, daß solche programmatischen Erklärungen einer Akademie in besserem Deutsch und weniger abgenutzten Redewendungen abgefaßt würden, so soll das doch nicht eine nähete Beschäftigung mit den neuesten bundesdeutschen Akademikern verhindern. Dabei kann eine kritische Betrachtung in diesem Falle noch nicht die Arbeit der Akademie unter die Lupe nehmen – denn eine solche Arbeit liegt außer jener programmatischen Erklärung ja noch nicht vor (was bei deutschen Akademien von heute zum Teil auch noch nach Jahren des Bestehens der Fall sein kann: viele sind über Anfangserklärungen nicht hinausgekommen). Hier ist nur zu untersuchen, wie eine solche Akademie überhaupt zustande kommt. Was treibt die Künstler zu der Gründung?

Die neugegründete Hamburger Akademie hat bis Jetzt rund 70 Persönlichkeiten aufgefordert, ihr beizutreten. Die zukünftigen Mitglieder rekrutieren sich aus dem Lager des Theaters, des Films, des Fernsehens und der Kritik. Es sind Dramatiker darunter wie Hans José Rehfisch, Regisseure wie Gustaf Gründgens, Kritiker wie Willy Haas, Schauspieler wie O. E. Hasse, Filmstars wie Ruth I.euwerik. Da sich die akademischen Bemühungen der Mitglieder auf die darstellende Kunst beschränken sollen, ist die berufliche Abkunft dieser gewünschten Mitglieder klar und bedarf keiner Diskussion. Problematisch wird die Liste der Aufgeforderten aber, wenn man feststellt, daß es sich hier ausschließlich um Prominente handelt, um Schriftsteller, Künstler und Theaterleute, die im aktuellen Kulturbetrieb unserer Tage eine große Rolle spielen. Das soll nun beileibe nichts gegen diese Persönlichkeiten sagen: im Gegenteil, bei den meisten von ihnen können wir froh sein, daß unsere Kulturfunktionäre sie noch eine so große Rolle spielen lassen und ihr Platz nicht schon von reinen Betriebmachern und Banausen eingenommen worden ist. Andererseits läßt sich nicht verheimlichen, daß gerade diese zukünftigen Mitglieder dem Kulturbetrieb von heute aufs tiefste verpflichtet sind, wenn sie ihre künstlerische Intensität weiter zum Nutzen aller ausstrahlen wollen. Sind sie also überhaupt in der Lage, ähnlich den Schülern des Sokrates dem Kulturbetrieb von heute ein Contra zu bieten? Denn das wäre doch die einzige – und wie ich glaube, von den Gründern der Hamburger Akademie auch mit Recht vordringlich ins Auge gefaßte – Aufgabe einer solchen Vereinigung.

Was treibt den schöpferisch am Kulturleben interessierten Deutschen von heute denn eigentlich in eine solche Akademie? Zunächst einmal wohl ein generelles Mißbehagen an unserem geistigen Leben. Dieses Mißbehagen richtet sich weniger gegen einzelne geglückte oder mißglückte Leistungen des deutschen Geistes. Es richtet sich gegen die allgemeine Unterbewertung geistiger Ideen und Prozesse, gegen die zunehmende Verflachung und Vermaterialisierung unseres alltäglichen Lebens. Es mag auch ein wenig schlechtes Gewissen sein, was gerade die prominenten Künstler zu einer solchen Akademie zusammenführen kann. Denn sie partizipieren ja auf eine grotesk-paradoxe Weise durch ihre eigene geistige Leistung am Ungeist der Zeit. Nicht selten helfen sie durch ihre geistige Leistung mit, die Flachheit des Zeitgeistes zu verdecken (wofür sie dieser Zeitgeist denn ja auch meistens benötigt). Aber werden sie ihr „schlechtes Gewissen“ in einer solchen Akademie reinigen können? Sind die Strukturen unseres wirklichen geistigen Lebens nicht seit langem so hoffnungslos mit dem modernen banausischen Alltag verknüpft, daß sie nicht mehr zu entwirren sind?