Davon hebt sich der Raum der lateinischen Völker deutlich ab.

Hier ist noch der Radikalismus zu Hause, ein in der großen Französischen Revolution zur weltgeschichtlichen Form emporgehobener Stil des rauschenden, wortsprühenden, vom großen Welttheater umglänzten Aufstandes. Auf diese Revolution gehen Formen und Affekte der linksradikalen Bewegungen zurück. Diese Revolution hat aber auch die Haltungen, Ideologien und Stimmungen des Rechtsradikalismus geschaffen. Denn sie sprach von der einen ungeteilten Nation und ihrem ungeteilten Willen. Aber diese eine und unteilbare Nation verkörpert sich besser in einem Mann, dem komme peuple, wie die Franzosen sagen, dem Mann, in dem die Nation sich mit ihrem schauerlich unteilbaren Willen verkörpert. Der lateinische Raum ist daher die Heimat der cäsaristischen Bewegungen. In Italien und Spanien hat der Linksradikalismus ja die Nation genügend zu erschrecken versucht, um sie in die Arme eines Casars zu treiben. – Hitler übrigens war kein Cäsar, nicht einmal wie ein Faschist, wie Malaparte einmal spottete: „Cäsar im Tiroler Kostüm.“ Er war ein Nachfahr des Jan Bockelson, einer der großen Epileptiker der Weltgeschichte, aus dem Bodensatz des deutschen Schwärmertums hervorgegangen. Franco beging nicht den Fehler seines römischen Kollegen und ließ sich nicht auf das selbstmörderische Bündnis mit Adolf Hitler ein. So hat das Franco-Regime – ein Teil der politischen Anatomie Europas – den Weltkrieg überdauert (was in Europa nur noch der englische Parlamentarismus und die Sowjetunion vermochten). Franco hielt sich aus dem mörderischen Strudel heraus, der Mussolini verschlingen sollte. Aber das Franco-Regime ist dafür auch dürr und restaurativ, ohne den Willen zu einer technisch-rationalen modernen Erneuerung der Nation, den Mussolini immerhin besaß.

Der Raum der lateinischen Völker ist ein Gebiet, das die industrielle Revolution noch nicht umgepflügt hat. Der technische Mensch des kapitalistischen Zeitalters mit seiner Angespanntheit, seiner Arbeitswut, seiner Lebenshärte und Lebenskälte beherrscht noch nicht die lateinischen Völker. Bei den besitzenden Klassen ist das Ideal der Rente mit einem maßvollen Auskommen, die den anmutigen Müßiggang erlaubt, nicht das Wagnis, die Leidenschaft und die „Eroberung“ der wirtschaftlichen Unternehmung. Friedrich Sieburg und Lüthy haben die französische Lebenshaltung unvergeßlich beschrieben. Gerade das Fehlen des modernen rationalen Kapitalismus, der ja die naive Freude an Gewinn und Profit verpönt, erhebt das Verdienen und das Geschäft zu einem Kult. Über das ganze Wirtschaftleben hat sich daher ein Schwamm mehr oder weniger parasitärer Zwischenschichten gelegt. Mindestens Spanien und Süditalien kennen auch das faulende Massenelend, wie es. den Orient kennzeichnet und wie es der hochindustrielle Gürtel Europas längst überwunden hat. Niemand – und am wenigsten dieBewunderer und Freunde der lateinischen Nationen – leugnet, daß der lateinische Gürtel zu einem hohen Maße wirtschaftlich und sozial krank ist (sich allerdings – im Falle Frankreich – diese Krankheit wegen einer sehr robusten wirtschaftlichen Grundkonstitution in einem gewissen Umfange auch leisten kann).

Der lateinische Raum ist politisch krank. Er weist große kommunistische Parteien auf. In Italien und Frankreich wählt fast ein Viertel der Nation kommunistisch (in Spanien würde es wahrscheinlich auch so sein, wenn die Nation wählen dürfte). Der politische Zustand Europas steht daher im Schatten einer Zweideutigkeit. Frankreich und Italien sind Mitglieder der NATO, eines gegen die Sow etunion gerichteten Bündnisses. Können aber Völker als besonders zuverlässig gegen die Sowjetunion angesehen werden, in denen ein Viertel der Nation eine Partei wählt, die sich feierlich verpflichtet hat, im Falle eines Krieges gegen die Sowjetunion die Gewehre nach rückwärts zu kehren?

Der ökonomische und soziale Zustand dieser Völker ist weithin auf die Unzufriedenheit abgestellt, und das politische Leben ist von dieser Unzufriedenheit durchdrungen. So wie im sozialen und wirtschaftlichen Leben die Gelegenheit, das Geschenk, der Fischzug, das Geschäft vielfach Lebensiegel sind, so wenden sich die Völker in der Politik sehr leicht politischen Bewegungen zu, die versprechen, Manna vom Himmel regnen zu lassen.

Der Radikalismus der Unzufriedenen, der Begehrlichen und Aufrührer treibt daher seine Blüte. Entgegengesetzte Radikalismen bilden in Frankreich und zum Teil auch in Italien zusammen immer eine Mehrheit, die unechte Mehrheit, die nicht regieren kann und die sich zusammenfindet, um den schäbigen Rest der Regierungswilligen und den anderen Radikalismus am Regieren zu hindern. Das Signum dieses Raumes ist – wie einst das Signum der aus anderen Ursachen innerlich verwüsteten Weimarer Republik – die Regierung der Mitte. Die Regierung der Mitte aber – allzuschnell als Regierung der staatsmännischen Mäßigung und des goldenen Mittelweges verklärt – ist ein Krankheitssymptom der Demokratie. Keine Demokratie ist wahrhaft funktionsfähig, wenn ein erheblicher Tei der Nation in Gegnerschaft zur bestehenden Ordnung steht. Man kann durch technische Mittel – konstruktives Mißtrauensvotum, Wahlrechtsänderungen – bewirken, daß die Krankheit nicht gleich tödlich wird, aber innerlich krank bleibt eine Demokratie immer, die sich nicht auf die überwältigende, in Regierung und Opposition verbundene Mehrheit der Nation zu stützen vermag. Die Opposition ist etwas ganz anderes, als diese Gegnerschaft der Radikalen zum Staate. Sie ist die schöpferische und konstruktive Alternative zur bestehenden Regierung. Die regierende Mitte leidet ja gerade daran, daß sie keine Opposition kennt; denn der Radikalismus von links und von rechts ist keine Opposition, weil man von einer Opposition nur dann sprechen kann, wenn sie in der Lage ist, eine alternative Politik zu formulieren und im Ernstfall die Regierung zu übernehmen. Wenn die Regierung ein verschüchtertes, zwischen Extremen eingeklemmtes Häufchen ist, das heute Beelzebub gegen den Teufel und morgen den Teufel gegen den Beelzebub zu Hilfe rufen muß, wenn die Wege an dem Saum zur Linken und zur Rechten nicht mehr passierbar sind und wenn kein Ausweichen nach links und rechts mehr möglich ist, dann hat die Demokratie den dramatischen und lebendigen Charakter verloren, der sie allein am Leben zu erhalten vermag. Regierung der Mitte heißt Regierung und Wahlen ohne ein echtes Für und Wider, eine Politik ohne große Entscheidungen und ohne die Möglichkeit des gestaltenden Handelns, weil sich, wie etwa in Frankreich, an die geradezu lebensnotwendige Sozialreform von links sogleich der Kommunismus hängt und an die ebenso notwendige Staatsreform von rechts die dumpfen Unzufriedenheiten des Rechtsradikalismus. Regierungen kommen und gehen (je mehr sich das ändert, desto mehr bleibt es das gleiche). Plus ça change, plus ça reste la même chose. So kennzeichnet der Immobilismus diesen Raum, weil die schöpferischen und kühnen Alternativen gleichsam nur aus den Abgründen des Radikalismus von links und rechts heraus zu verwirklichen wären, weil die Reform nie ausreichend davor geschützt ist, eine Revolution zu werden, und die Wiederbegründung der Staatsautorität nie davor gesichert ist, zur Diktatur zu entarten.

Bleibt Deutschland als der letzte Raum der europäischen Politik. Das politische Bild der lateinischen Nationen kann man unerfreulich, aber klar nennen. Die politische Erscheinung Gesamtdeutschlands ist unerfreulich und unklar. Die politische Anatomie der Sowjetunion ist klar, aber unerfreulich, die der Bundesrepublik erfreulich, aber unklar. Das Gesamtdeutschland von morgen ist ein politisches Rätsel, und es muß um so mehr zu einem politischen Abenteuer werden, je länger die Wiedervereinigung hinausgeschoben bleibt. Einigermaßen sicher ist, daß diejenigen Gewalten sich in Gesamtdeutschland für einige Zeit an der Macht etablieren würden, die dieses Gesamtdeutschland zuwege bringen. Jeder Staat, so hat ein Denker in der großen englischen Revolution gesagt, wird durch die Kräfte erhalten, die ihn begründet haben. Was die Wiedervereinigung an politischen Kräften in Deutschland auslösen wird, ob die Stunde wie ein glühender Atem durch das ganze Volk zu gehen vermag, ob sie den bisher Unterlegenen eine Chance wird bieten können, wer könnte das sagen!