Eine der ersten Publikationen, die das "MozartJahr" einleiteten, ist dem "Dichter, Weiser und großen Freund" Thomas Mann gewidmet. Nicht also einem Musiker unserer Zeit, etwa einem Dirigenten, der sich dem Geiste Mozarts in besonderer Weise verschrieben hätte, sondern einem weltberühmten Literaten, der zur Musik ein ebenso leidenschaftlidies wie ungeklärtes Verhältnis hatte. Der Sinn dieser Widmung ist vermutlich so zu verstehen, daß auch der Autor dieses Mozartbuches kein Musiker, auch kein Musikwissenschaftler von Profession ist. Auch er ein leidenschaftlich der Musik ergebener Dichter, der aber doch mit klarer Entsdiiedenheit sich sein persönliches musikalisches Weltbild geformt hat; vielmehr das Bild eines bestimmten Ausschnittes aus der Welt der Musik, der sich einem Menschen seiner Art am unmittelbarsten erschließt. Eines Ausschnittes, der dem historischen wie ästhetischen Zentrum aller großen Mtsik nahe ist: dem wienerisch musikantischen, aus dessen glücklicher Mischung von Seele, Talent, Temperament und tüchtigem Handwerk die Klassik hervorging. Wir verdanken dem Autor schon zwei hinreißend gedichtete Musikerbiographien: über Johann Strauß und über Joseph Haydn, Jetzt legt er, im richtigen Augenblick, ein weiteres "Buch der Liebe" — denn das sind alle seine Monographien — vor: Heinrich Eduard Jacob: "Mozart oder Geist, Musik und Schicksal". Verlag Heinrich Scheffle Frankfurt a. M, 446 Seiten, 8 Tafeln, 163 Musikbeispiele. 14 80 DM.

Der Titel verspricht eher weniger als zuviel. Jacobs Kunst der Synoptik hat in diesem Werk einen Grad erreicht, der ihn den Menschen, sein Schaffen, seine Vor, Mit- und Umwelt mitsamt dem Unabänderlichen wie dem Zufälligen der Entwicklungsbedingungen als eine so zwingend überzeugende Einheit und Ganzheit in Blick und Griff bekommen läßt, daß daraus ein Persönlichkeitsbild von unerhörter Plastizität entspringt. Vielleicht mag dieser oder jener dieses oder jenes zu subjektiv interpretiert finden. Das verschlägt nichts und vermag eben jene Schlüssigkeit der biographischen Konzeption nicht zu beeinträchtigen. Als ein besonderer Vorzug der Jacobschen Darstellung in musikhistorischer Hinsicht ist zu vermerken, daß er das Format des Vaters Leopold Mozart einmal nicht an der Einzigartigkeit des Sohnes abmißt, und es so im Sinne ungebührlicher Verkleinerung verzeichnet, sondern ihn als das rehabilitiert, was er tatsächlich war: ein Mann und ein Künstler von außergewöhnlichem Rang, der auch (was für das Verhältnis zu Wolfgang Amadeus wichtig ist) als Pädagoge genau wußte, was er wollte, konnte und durfte. Überhaupt liegt ein nicht geringer Reiz des Buches in der Subtilität, mit welcher der Autor die realen Sachverhalte jeweils seelenkundlich durchleuchtet. Das wirkt sich bis in die Werkbetrachtungen aus, die dadurch viel Leben gewonnen haben. Inhaltlich bestätigen sie in ihrer Gesamtheit das Berechtigte der Mozart Deutung, die Jacob schon auf einer der ersten Seiten an ein ganz unscheinbares Briefzitat anknüpft, worin der Vater den Sohn wegen seiner Vorliebe für "das Kalte" lobt. "Zu Mozarts Geheimnissen", schreibt der biographische Dichter, "gehörte, daß er Kraft aus der Kälte gewann. Sie erhitzt sich nicht, seine Kunst; und darum verdunstet sie auch nicht A th befreit und ihm wieder Charakter und Wert einer unersetzbaren Weise des Weltbegreifens zurückgegeben. Daß er neben Wissenschaft und Kunst einen dritten, der Dichtung verwandten "Bereich der Begegnung mit der Wahrheit des Seins" darstellt, versuchen die inhaltlich wie stilistisch gleich vorzüglichen Aufsätze eines ausgewiesenen Mythenkenners zu zeigen, die jetzt gesammelt vorliegen: Walter F. Otto: Die Gestalt und das Sein. Gesammelte Abhandlungen über den Mythos und seine Bedeutung für die Menschheit. Eugen Diederichs Verlag Düsseldorf — Köln 1955. 418 Seiten, 24 — DM.

Alle vierzehn Abhandlungen und Vorträge des Buches preisen um die Urphänomene "Gestalt" und "Mythos", verstanden als adäquate Auslegungen des Seins. Es ist daher kein Wunder, wenn die innerhalb der letzten dreißig Jahre niedergeschriebenen und thematisch den Zeitraum von der Entstehung der eleusinischen Mysterien bis zur Tanzkunst der Isadora Duncan durdimessenden Untersuchungen ihr gemeinsames Zentrum im Menschenbild der Griechen haben. Der Europäer hat iie Geborgenheit der echten mythischen Erfahrung verloren, aber es bleibt ihm als Chance und Aufgabe die Besinnung auf die Geschichte, die für ihn ebenso notwendig ist, wie für :>eine Ahnen der Vlythos. Für geschichtliches und mythisches Denken gilt gleichermaßen — das ist eine von Ottos Grundthesen —, daß in jeder Gegenwart die Erfahrungsveit der Vergangenheit mitenthalten ist. Unsere geistige Vergangenheit aber beginnt mit der Welt Homers. Das Wunder der griechischen Kunst, die vollkommene Einheit von Realität und Idealität", beruht auf der Gotteserfahrung einer Menschenart, die zugleich Natur und Geist verehrte und deshalb die "wesenhafte Ganzheit" der menschlichen Existenz nicht dualistisch zerstückte. Die Schönheit des