Von Indro Monfanelli

Vielleicht tritt in Frankreichs Kämpfen um seine Kolonien nur das eine zutage: daß die Zeit des Kolonialismus endgültig vorübergeht. Ein allgemeines „Zuspät“ scheint aber ein französisches „Zuspät“ in besonderem Sinne zu sein. Dies ist das Thema unseres Mitarbeiters Indro Montanelli, der den Durchschnittsfranzosen „Herrn Dupont“ in seinem politischen Verhalten gegenüber den Kolonien hart kritisiert; wobei wir kaum zu betonen brauchen: es ist eine Kritik aus italienischer Sicht.

Paris, im Februar

Zum ersten Male in der parlamentarischen Geschichte Frankreichs haben im letzten Wahlkampf die Führer der politischen Parteien den nordafrikanischen Kolonialbesitz zum Gegenstand ihrer Ausführungen gemacht, wobei einige – wie Faure und Mendès-France – nur vage von Integration sprachen, in dem hilflosen Versuch, Kolonialismus und Demokratie auf einen Nenner zu bringen. Seither sind die Pariser Schaufenster angefüllt mit Büchern über Marokko, Tunis, Madagaskar oder Tonkin. Allenthalben werben die Überseeprobleme diskutiert. Und eifrig ist man dabei, alle Fehler der Vergangenheit schonungslos aufzudecken, alle – bis auf einen, den größten Fehler: daß die Politiker es fast zwei Jahrhunderte lang dem französischen Volk erlaubt haben, seine Kolonien zu ignorieren. Während Durchschnittsgrößen wie Jaurès zu Giganten gestempelt wurden, standen die Gründer des Kolonialreiches stets im Schatten. Ja, zwei Jahrhunderte hindurch blieb in Frankreich die Redensart unwidersprochen, daß seine Kolonien das Resultat einer Verschwörung der „zweihundert Familien“ und des Comité des Forges mit „reaktionären Generälen“ sei, die drüben, in Afrika, jene Welt der Privilegien und der Bastille einst neu zu gründen suchten, die ihnen durch die „heilige Revolution“ im Mutterlande endlich zerstört worden war. Und dem Herrn Dupont waren von der ganzen Geschichte der französischen Forscher und Entdecker ohnehin lediglich die Namen einiger Skandale haftengeblieben: Panama, Fachoda und so weiter. In seinem Gehirn hatten sie sich irgendwie mit der Geschichte des Grafen von Montechristo und der des Raubmörders Landru vermischt. Erst jetzt, wo es so aussieht, daß Frankreichs Kolonialreich dicht vor der Auflösung steht, scheint sich bei Monsieur Dupont so etwas wie ein koloniales Bewußtsein zu regen. Doch ist er noch weit davon entfernt zu verstehen, daß gerade deshalb, weil er so lange damit gewartet hatte, sich ein koloniales Bewußtsein anzueignen, eben dies Kolonialreich jetzt am Horizont verschwindet.

Die psychologische Wandlung Monsieur Duponts ist eine Folge der Ereignisse von 1940. Damals wurde den Franzosen deutlich, daß ihr Kolonialreich auch noch nach der Besetzung des Mutterlandes als geschlossene Einheit weiterlebte, so daß de Gaulle dort, nachdem Paris sich ergeben hatte, jene nationale Regierung errichten konnte, von der dann die Resistence ausgehen sollte.

Bürger oder Untertan?

Seien wir ehrlich: Das war eine kräftige Lektion für jene französischen Demokraten, die sonst immer wegen ihren Kolonien errötet waren und sie für unvereinbar mit den „ewigen Prinzipien“ gehalten hatten. Nun mußten sie sehen, wie sich die Bürger der Kolonien an die Spitze des französischen Befreiungskrieges stellten. Noch hundert Jahre früher hatte der Abgeordnete Passy voll Verachtung vor der Kammer erklärt, daß er ganz Algerien gegen eine Hütte am Rhein eintauschen würde. Aber die 1918 erlangten Hütten am Rhein hielten den deutschen Panzerkräften nur wenige Stunden stand, während der Besitz Algeriens den Franzosen erlaubte, noch einmal ihr Geschick zu wenden.