Leo, Hamburg

Eine Zeitung von Niveau sollte nicht ...“ Und dann kommt, was sie alles nicht sollte. Vieles davon steht im Länderspiegel dieser Zeitung: Sie sollte nicht die kleinen Geschehnisse des Alltags aufgreifen; sie sollte nichts über Behörden veröffentlichen, ohne die Behörden vorher gefragt zu haben; sie sollte sich niemals gegen die Polizei wenden; sie sollte sich überhaupt nicht in Dinge einmischen, die sie „nichts angehen“. So steht es zuweilen in empörten Briefen geschrieben, die den verantwortlichen Redakteuren vieler deutscher Zeitungen zum Frühstück serviert werden und in denen der Schreiber hochachtungsvoll seiner ganzen Verachtung für „diese Art der Berichterstattung“ Ausdruck gibt.

„Diese Art der Berichterstattung“ gibt es nicht hinter dem Eisernen Vorhang; „diese Art Berichterstattung“ floriert in den freien Demokratien des Westens. Das sollte zu denken geben. In jedem Schullesebuch steht die Geschichte von dem Preußenkönig, der große Menschenmengen um eine Zeichnung versammelt fand, die kaum zu sehen war, weil sie so hoch hing, und auf der dieser König – recht unfair übrigens – der Lächerlichkeit preisgegeben werden sollte. Bleich und ängstlich erwarteten die Versammelten einen furchtbaren Wutausbruch. Niedriger hängen“, sagte der König und ritt weiter. – Haben wohl manche Lehrer versäumt, die Moral der Geschichte damals ihren Zöglingen recht deutlich zu machen? Oder gilt die Moral nur für Könige (und Prinzessinnen) und allenfalls noch Politiker, denen gar nicht genug am Zeug geflickt werden kann?

Wir glauben das nicht. Wir glauben, daß der Alltag der Ratenzahlungen, Familiensorgen, Büros, Schulklassen, Wohnungsämter, Verkehrsunfälle, Rücksichtslosigkeiten, Gemeinderatswahlen nicht der unwichtigste Teil unseres Lebens ist und daß es schade, nein: unverantwortlich wäre, ihn „vornehm“ zu ignorieren. Wir glauben, daß die Presse teilte wichtige Aufgabe auch darin zu sehen hat, zu berichten, was in der Sphäre, in der sich der weitaus größere Teil unseres Lebens abspielt, vor sich geht. Wir wissen aus manchen Erfahrungen, daß dazu oft mehr Zivilcdurage gehört als zu einem geharnischten Angriff auf die siamesische Außenpolitik. Manchmal sind die Geschichten aus unserem Alltag Skandalgeschichten. Aber wer macht den Skandal?

Undmanchmal fühlt sich einer persönlich getroffen, gekränkt, verunglimpft, beleidigt. Hier liegt nun eine echte Gefahr „dieser Art der Berichterstattung“. Reporter sind nur Menschen, und auch Redakteure können irren. Es gibt bei Berichten aus unserer eigenen Welt immer Leute, denen die Fakten und Zusammenhänge besser bekannt sind – die unmittelbar Betroffenen nämlich. Die gibt es nun zwar auch, wenn es sich um die Unruhen in Zypern handelt – nur sind da ihre Protestmöglichkeiten sehr viel stärker eingeschränkt. Jeder gute Reporter wird versuchen, seine Berichte so gründlich wie nur möglich zu „recherchieren“. Und jede gute Zeitung wird nicht nur ihre Reporter gerade dazu immer wieder anhalten, sondern sie wird auf jeden Fall die unvermeidlichen Irrtümer berichtigen; denn selbst bei kleinen Geschichten gilt ihr, was für die große Geschichte gilt: herauszufinden, was wirklich geschah, sine ira et studio. Ohne Empörung und ohne Voreingenommenheit müssen auch solche Berichtigungen vorgenommen werden. „Nehmen Sie diesen Artikel sofort zurück!“, wird manchmal verlangt. Wieso? Ist da etwa gar nichts geschahen? Hat der Reporter einen bösen Traum gehabt? Was soll das? – „Sie schreiben in Ihrem Bericht ...; wahr ist vielmehr ...“ – das ist die klassische Formel für Berichtigungen, an die man sich nicht unbedingt wörtlich, aber sinngemäß halten sollte. So, und nur so, gibt man einer Zeitung die Möglichkeit, Irrtümer zu korrigieren – woran dieser Zeitung sehr viel mehr gelegen ist, als vereinzelte Leser zu glauben scheinen.

Eine große Zahl interessanter und sehr menschlicher Themen müssen für manche Zeitungen tabu bleiben, weil der gute Geschmack es so will. Doch hüten wir uns, die Wand der Tabus stärker als unbedingt nötig zu machen, sonst sitzen wir eines Tages als Gefangene dahinter, und was wir über Freiheit und Unabhängigkeit zu sagen haben, ist dann nur noch leeres Gerede.