s. u., Bremen

Ein Japaner verließ in der vergangenen Woche auf dem Bremer Flughafen den Clipper. Das ist nicht sehr häufig, aber für die Seestadt mit ihren engen Verbindungen nach Fernost auch nichts Außergewöhnliches. Dennoch hatte sich zur Begrüßung viel Prominenz eingefunden – und auch Neugierige. Sie wollten den Professor Kakuji Watanabe sehen, der an der Universität Osaka germanische Philologie lehrt und dessen besonderes Forschungsgebiet die plattdeutsche Sprache ist. Fritz Reuters „Ut mine Festungstid“ hat er ins Japanische übersetzt und auch eine plattdeutsche Grammatik in Japan herausgegeben. Sein sehnlichster Wunsch war es daher, niederdeutsches Volkstum aus eigener Anschauung zu erleben.

Über den aus Bremen stammenden deutschen Konsul in Osaka-Kobe, Dr. Carl Friese wurde die Verbindung mit dem „Plattdütschen Kring“ hergestellt, und Kringbaas Hinnerk Gronau ruhte nicht, ehe Professor Watanabe von den Ländern Bremen, Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein über das Auswärtige Amt eingeladen war. Zwei Monate wird sein Studienaufenthalt dauern; dann will er nach Nippon zurückkehren, aber zuvor noch die plattdeutschen Volksfestvereine in New York’besuchen.

In gestochener deutscher Schrift hatte Professor Watanabe manchen Brief nach Bremen und Bonn beschrieben, bis er nach über neun Monaten Vorbereitungszeit jetzt den Fuß auf niederdeutsches Gebiet setzen konnte. Um es dem Gast aus Fernost nicht allzu schwer zu machen, war auch ein japanisch sprechender Bremer Kaufmann mit zur Begrüßung erschienen; aber der Japaner beherrschte Hochdeutsch einwandfrei. Auch Plattdeutsch verstand er; nur „plattdeutsch sprechen? – nein!“ meinte er bedauernd.

Was ihn gerade zu Fritz Reuter geführt habe, wollten Wißbegierige von dem zierlichen Japaner mit der hohen Stirn und den klugen Augen hinter einer hellen Hornbrille erfahren, und er wußte zu berichten, daß es ihn schon als jungen Deutschlehrer gereizt habe, so viel wie möglich über die Deutschen zu erfahren. So sei auch seine Liebe zum Plattdeutschen nicht so sehr aus sprachlichem Interesse erwachsen, sondern ihn habe vielmehr die Persönlichkeit Reuters, „dessen trübes Schicksal und lobenswerte Festigkeit“, zuerst angezogen.

Besteht irgendein Zusammenhang zwischen Plattdeutsch und Japanisch? „Nein, ganz gewiß nicht“, lachte Professor Watanabe, ein Paket fest unter den Arm drückend, das die auf Seide gemalte Kopie eines japanischen Gemäldes aus dem Jahre 600 – ein Geschenk für Bremens Bürgermeister Kaisen – enthielt. Allerdings: „Auch in Japan könnte ein Hirtenknabe aus dem Norden einem Bauernmädchen aus dem Süden schwerlich den Hof machen, da es beiden schwerfiele, sich zu verständigen. In unserer Feudalzeit wurde jede Mundart sorgfältig gepflegt. Oft war der örtliche Dialekt für einen Stammesfürsten die einzige Möglichkeit, Freund und Feind zu unterscheiden. Damals war man auf seine Mundart stolz, aber jetzt schämt man sich im allgemeinen seines Dialekts. Bei einer Versammlung der Landsmannschaft spricht man freilich dialekt-gefärbt, wodurch erst die Gesellschaft sich lebhafter unterhalten und belustigen kann.“ Professor Watanabe schrieb diese Worte in einem Brief über seine Heimat. Aber was sie mitteilen, will einem deutschen Leser gar nicht so exklusiv ostasiatisch erscheinen.