London, im Februar

Die Royal Academy (Königliche Akademie der Bildenden Künste) steht in England seit jeher im Mittelpunkt eines scharfen Meinungsstreits. Sie wird angegriffen, nicht nur als eine Bildungsstätte „akademischer“ (das heißt mittelmäßiger!) Maler, sondern vor allem als Veranstalter der alljährlichen Ausstellung, die von Hunderten von Malern beschickt wird, bei der aber immer wieder nur die Vertreter einer sicheren Konventionalität zum Zuge, das heißt zum Hängen kommen. Diese alljährliche Sommerausstellung wird daher von den Kritikern traditionsgemäß mit Spott und Hohn überschüttet.

Aber dafür müssen diese Kritiker alljährlich im Winter zu Kreuze kriechen. Was immer man über die Sommerausstellungen denken mag – die Winterausstellungen, die jeweils eine Übersicht über ein Land, einen Stil, eine Epoche vermitteln, gehören zum Allerbesten in ihrer Art. Denn hier bewährt sich Tradition, „savoir faire“ und das Prestige der schönen Galerie im ersten Stock von Burlingston House, dem Sitz der Akademie in Londons Prachtstraße Piccadilly. Manche dieser Winterausstellungen, so vor allem eine berühmte japanische und eine großartige Gesamtschau indischer Kunst, haben den Entwicklungsgang der Kunstgeschichte beeinflußt, indem sie lebenden Künstlern zum erstenmal ganz den Zauber eines Landes oder eines Stils erschlossen und damit auf sie einen entscheidenden Einfluß ausübten. Die Winterausstellung 1956 ist wieder eine solche epochemachende Schau. Sie rehabilitiert die Kunst eines von Kunstkennern bisher oft vernachlässigten Landes und erschließt eine ganze Welt von Eigenart und Schönheit: die Welt der Kunst Portugals.

Die Ausstellung ist das Werk eines Mannes, des Kunsthistorikers (und im Hauptberuf Chirurgen) Professor Reynaldo dos Santos. Er hat an dieser Ausstellung jahrelang gearbeitet. Ursprünglich war sie für den Winter 1940 geplant – aber der Krieg kam dazwischen. In den fünfzehn Jahren, die seither vergangen sind, feilte dos Santos immer mehr an den Plänen, erlangte die Zusage von weiteren Klöstern, Museen und Sammlern, ihm Stücke zur Verfügung zu stellen – und so ist dies wirklich zu einer einzigartigen Gesamtschau der Kunst Portugals geworden.

In einem Fernsehprogramm, in dem vor einigen Wochen mehrere Millionen Engländer einige der Glanzstücke der Ausstellung zu sehen bekamen, sagte Professor dos Santos, er glaube, daß noch nie eine so repräsentative Sammlung portugiesischer Kunst an einem Ort beisammen war, und er sei überzeugt, daß dies auch in Zukunft nie wieder der Fall sein werde. Und er muß es ja wissen, welche Mühe es ihm gemacht hat, in geduldiger Arbeit Stück für Stück auszuwählen und zusammenzutragen.

Warum wird eine solche Ausstellung aber nicht in Portugal selbst, sondern in London veranstaltet? Wohl deshalb, weil die Royal Academy eben die Royal Academy ist – und auch deshalb, weil England und Portugal in einem ganz besonderen Verhältnis zueinander stehen. Auf der Ausstellung ist unter Glas der Vertrag von Windsor aus dem Jahre 1386 zu sehen, in dem sich die beiden Länder zu „einem Bund für alle Zeiten“ zusammenschließen. Diese Allianz ist in sechshundert Jahren nicht gebrochen worden und wurde erst vor kurzem wieder durch den Staatsbesuch des Präsidenten von Portugal besiegelt. Für jeden Engländer ist Portugal our oldest ally. Er verehrt die Portugiesen vor allem als die ersten großen Seefahrer und Entdecker.

In sieben großen Sälen geben Gemälde, Skulpturen, Gold- und Silbergefäße, Keramiken und Fayencen, illuminierte Manuskripte, Möbel, Gobelins, Zeichnungen und Photographien von Bauwerken ein Bild vom Charakter des portugiesischen Volkes. Und wenn man in England erwartete, hier ein aufgeregtes Volk von Südländern kennenzulernen, so irrte man sich: die Portugiesen sind kühl, würdig, gemessen, ernst und gesittet. Das Glanzstück der Ausstellung ist das bedeutendste Meisterwerk der portugiesischen Malerei: das große Polyptichon „Die Anbetung des hl. Vinzenz von dem Maler Nuno Gonçalves (um 1460). Dieses aus sechs Tafeln bestehende Altarwerk steht den besten Schöpfungen eines van Eyck oder Rogier van der Weyden nicht nach. Gonçalves ist von den großen flämischen Malern beeinflußt, aber der Charakter seines Werkes ist von hoher Individualität. Das Bild zeigt die portugiesische Nation seiner Zeit um den heiligen Vinzenz geschart. Tatsächlich ist hier ein ganzes Volk: König und Fischervolk, Bischof und Bettelmönch, in bunter Folge im Bilde festgehalten. Jede Figur steht für einen Stand, eine Schicht der Nation. Dieses Bild, das erst vor kurzem wiederentdeckt wurde, ist von nun an aus dem ewigen Bestand der großen Meisterwerke nicht mehr wegzudenken. (Es ist ein Zeichen der Zeit, daß der Phaidon Verlag unter dem Eindruck der Ausstellung diesem Werk und seinem Schöpfer eine Monographie gewidmet hat.)

Auch die anderen Beispiele der Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts machen einen nachhaltigen Eindruck. Das bedeutendste Werk der Goldschmiedekunst in der Ausstellung ist die aus Gold und Email gefertigte Monstranz von Belem, die den Vergleich mit dem berühmten Salzfaß des Benvenuto Cellini herausfordert. Unter den Einrichtungsgegenständen, die ein Bild von der Kultur des Alltagslebens in Portugal vermitteln, sticht ein in einem Schrank verborgener Hausaltar hervor, der ursprünglich in der Kabine eines portugiesischen Handelsschiffes stand. Viel bestaunt von den zahlreichen Besuchern wird auch die Staatskarosse der Königin Maria Francisca (etwa 1670) aus goldgeschnitztem Holz, mit allerliebsten Putten bemalt; sie stammt aus dem berühmten Wagenmuseum von Lissabon. Julian Lynne