Die Nachricht, daß Frankreich Reparationsforderungen an das Saarland zu stellen beabsichtige und daß entsprechende Dossiers am Quai d‘Orsay bereits vorbereitet werden, hat Befriedigung und Befürchtungen ausgelöst. Befriedigung, weil damit endlich die so lange Zeit wirklichkeitsfremde und oft unwahre Europäisierungsargumentation auf den festeren Boden wirtschaftspolitischer Forderungen gestellt würde. Der schöne Traum hoffnungsfreudiger Europäer – im Saarland, in Frankreich, in Deutschland – von einer Keimzelle Europas an der Saar hat allzulange dazu herhalten müssen, über die machtpolitischen Wirklichkeiten hinwegzutäuschen. Zehn Jahre Saar-"Autonomie" haben nicht nur wenig zu einer europäischen Föderation beigetragen, sondern im Gegenteil: sie haben die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland schwerer belastet als irgendein anderes politisches Faktum seit 1945.

Gewiß kann und will die Grundsatzerklärung des Saarländischen Landtages, in der der Wille der Saarländer zur politischen und wirtschaftlichen Verbindung mit Deutschland Ausdruck fand, nicht den Anspruch erheben, alles geklärt zu haben und weitere Verhandlungen überflüssig zu machen. Ihr "weder rechtliche noch praktische Bedeutung" zuzugestehen, wie es in der ersten Reaktion des französischen Außenministeriums geschah, heißt freilich gerade jene nationalistischen Ressentiments herausfordern, die einer vernünftigen Lösung im Wege stehen. Man setzt sich damit in Paris zumindest dem Verdacht aus, nur ein dem Quai d’Orsay treu ergebener Saar-Landtag verdiene es, gehört zu werden. Sehr viel gelassener und hoffnungsvoller klang die Feststellung von Außenminister Pineau: "Die gegenwärtige Situation kann in Wirklichkeit nur mit der formellen Zustimmung der französischen Regierung geändert werden." Um diese Zustimmung werden ja die Verhandlungen gehen. Und Pineaus Erklärung wäre nur hinzuzufügen: Zwischen Paris und Bonn darf keine Lösung ohne Zustimmung der Saarländer ausgehandelt werden, denn sie sind es, die das, was dann als Lösung zu Papier gebracht wird, in gelebte Wirklichkeit umsetzen müssen.

Es ist zu hoffen, daß sich bei den Verhandlungen niemand verleiten läßt, den soliden Boden wirtschaftlicherGegebenheiten wieder zu verlassen. Da wird unsererseits zuzugestehen sein, daß das Saarland zwar nicht einfach als Kriegsbeute annektiert werden konnte, aber doch eine Art Pfand für die Wiedergutmachungsverpflichtungen des Verlierers bedeutete. Da wird man versuchen müssen, eine befriedigende Grundlage für die durch ökonomische Rentabilität geforderte Verbindung zwischen Saarkohle und Lothringen-Erz zu finden – wozu die wichtigsten Voraussetzungen durch die Montanunion ja gegeben sind. Da wird man Verständnis dafür haben müssen, daß die Franzosen jetzt um das Gleichgewicht innerhalb der Montan-Union besorgt sind (sobald die Saar nicht mehr dem französischen Potential zuzurechnen ist, sinkt Frankreichs Anteil von 34 auf 27 Prozent, während der Anteil der Bundesrepublik von 35 auf 42 steigt).

Andererseits wird eine ausführliche Gegenrechnung der direkt oder indirekt bereits geleisteten Reparationen aufzustellen sein. 56 große Betriebe, von den Röchling-Werken bis zur Ufa, wurden allein im Saarland unter französische Zwangsverwaltung gestellt. Dazu kommt die Beschlagnahme deutschen Vermögens in Frankreich, vor allem in Elsaß-Lothringen, deren Höhe unbekannt ist.

Die Verhandlungen werden nicht erleichtert, wenn man sie mit Fragen belastet, die nicht unmittelbar mit der Saar zu tun haben – wenn man also zum Beispiel versuchte, bei dieser Gelegenheit auch gleich das Moselkanal-Projekt unter Dach zu bringen. Und sie können nur dann zu einem befriedigenden Ergebnis führen, wenn man "Kohle" sagt (oder "Vorzugszoll" oder "Sequestrierung"), wo man Kohle oder Vorzugszoll oder Sequestrierung meint; wenn man schließlich mehr an "Europa" und "das Schicksal der Menschen an der Saar" denkt – und weniger große Worte darum macht.

Rudolf Walter Leonhardt