dZ, São Paulo, im Februar

Im Gebiet um Rio de Janeiro und São Paulo ist seit Jahren eine erhebliche Schwerpunktbildung im Stromverbrauch eingetreten. Die Konzessionärin in diesem Raum, die kanadische Brazilian Traction, Light & Power, Company, bedient zwar nur 1 v. H. der Fläche Brasiliens, liefert jedoch mit 1,5 Mill. kW die Hälfte der überhaupt in Brasilien verbrauchten Elektrizitätsmenge. In jedem Jahr müssen sich Haushalt und Industrie in Rio und São Paulo erneut darauf einstellen, daß spätestens ab Juli der elektrische Strom rationiert wird. Außerdem wird ab Juli meistens für zwei Stunden täglich die Stromlieferung eingestellt, ab September im allgemeinen sogar für vier Stunden.

Während des internationalen Energiekongresses in Petropolis (1954) haben USA-Fachleute ihre brasilianischen Kollegen wiederholt auf das Mißverhältnis zwischen Wasser- und Wärmekraftwerken in Brasilien hingewiesen, das unbedingt durch den Bau von zusätzlichen Wärmekraftwerken ausgeglichen werden müsse. Man behält jedoch in allen Teilen des Landes vor allem die Wasserkraftausnutzung bei. Anfang 1955 wurde in Nordostbrasilien, am Lauf des 2000 km langen Rio São Francisco, die erste Baustufe eines Großkraftwerkes mit einer Kapazität von 120 000 kW in Betrieb genommen, das für die Staaten Pernambuco, Alagoas, Sergipe und Bahia Elektrizitätsmengen über den heutigen Bedarf hinaus liefern kann. Ende November hat die Nationalbank für Wirtschaftsentwicklung für die Energiegesellschaft am Rio Doce (Staat Minas Gerais) einen Kredit von 180 Mill. Cruzeiros (12 Mill. DM) zur Verfügung gestellt, um die Wasserkräfte dieses Flusses für die Industrie der Gegend auszunutzen. Ferner hat die Bank Anfang Dezember 393 Mill. Cruzeiros (26,2 Mill. DM) bereitgestellt, mit denen am Rio Pardo das Projekt eines Wasserkraftwerkes für die Zone um Limoeiro und Euclides da Cunha im Hinterland von São Paulo in Angriff genommen werden soll. Auch die Kraftwerke im Zuge des Rio Paranapanema, des Grenzflusses zwischen den Staaten São Paulo und Paraná, sollen weiter ausgebaut werden und nach ihrer Fertigstellung fast 700 000 kW liefern. Janio Quadros, der Gouverneur des Staates São Paulo, hat angekündigt, das Kraftwerk am Salto Grande des Paranapanema werde im Mai 1956 die ersten 70 000 kW abgeben. Damit soll ein weiterer Schritt aus der „Sklaverei des Brennholzes“ getan sein. Der Gouverneur spielte damit auf die Tatsache an, daß heute noch fast die Hälfte der in Brasilien verbrauchten Energiemengen aus dem Brennholz kommt.

Mit der wachsenden Zahl der Stau- und Wasserkraftwerke und dem immer größer werdenden Mißverhältnis dieser Anlagen zu den Wärmekraftwerken gerät jedoch Brasilien in eine immer größer werdende Sklaverei der Jahreszeiten. Andererseits hat es gute Gründe, wenn man nur zögernd Wärmekraftwerke baut Denn Brasilien hat kaum Kohle und holt zur Zeit nur 2,5 v. H. seines Erdölbedarfs aus dem eigenen Boden. Es müßte also weitere Wärmekraftwerke mit importierten Rohstoffen betreiben, ein gewiß kostspieliges Unterfangen ...

1955 schien die Lage in der Elektrizitätsversorgung von Rio wie von São Paulo besonders ernst zu werden. Der Wasserspiegel des Riesenstausees bei São Paulo, der sich fast bis nach Santos hinzieht und dessen Wassermassen dort unter Ausnutzung des Höhenunterschiedes zwischen dem Paulistaner Hochplateau und der Santenser Küstenniederung in Elektrizität verwandelt werden, sank schon früh im Jahr unter die 20-Prozent-Marke. Jeden Tag drohte der Kollaps einzutreten. Da begann es – im Oktober und damit gegen jede Regel – zu regnen. Die Flüsse führten Hochwasser, der Wasserspiegel der Stauseen begann zu steigen. Im November gab es erneut starke Regenfälle, und diesmal war der Segen so reichlich, daß sich die Elektrizitätswerke von São Paulo nicht mehr an die Rationierungsbestimmungen zu halten brauchten: Stromabschaltungen werden seitdem nicht mehr vorgenommen. Während in anderen Jahren im Dezember in den Stadtparlamenten heftige Kämpfe um die Schaufenster- und Straßenbeleuchtung zu Weihnachten und Neujahr geführt wurden, sind in São Paulo jede Auslage und jedes Geschäftshaus hell angestrahlt. Rio kann sich endlich wieder zu Recht Cidade da Luz nennen.