Mit dem Sieg des finnischen Sportlers Antti Hyvärinen im Spezial-Sprunglauf und der anschließend im Eisstadion von Cortina d’Ampezzo erfolgten Gesamt-Siegerehrung wurden die Olympischen Winterspiele beendet. Ihr Kennzeichen waren außerordentlich erstaunliche sportliche Leistungen und eine hervorragende Organisation, auf die die Veranstalter zu Recht stolz sein dürfen. Daß den Spielen der große Publikumserfolg versagt blieb, lag an einer verfehlten geschäftlichen Spekulation, die in Zukunft durch entsprechende Maßnahmen des Internationalen Olympischen Komitees im Interesse des Sports vermieden werden sollten. Der erfolgreichste Wettkämpfer war der Österreicher Toni Sailer, der drei Goldmedaillen gewann. Das Land, dessen Vertreter am meisten Siege erringen konnte, war Sowjet-Rußland: sieben goldene, drei silberne und sechs bronzene Medaillen erkämpften, sich die russischen Wintersportler. An zweiter Stelle liegt Österreich mit vier Gold-, drei Silber- und vier Bronzemedaillen vor Finnland, das drei erste und drei zweite Plätze und einen dritten Platz belegen konnte. Am stolzesten dürfen die Russen über den Sieg im Eishockey-Turnier sein, der ihnen nicht nur eine Goldmedaille, sondern zugleich auch die Titel des Weltmeisters und Europameisters einbrachte. Sie schlugen im Endspiel die hochfavorisierten Kanadier, die sogar noch den Amerikanern den zweiten Platz überlassen mußten. Unsere deutschen Skiläufer und -läuferinnen schlugen sich tapfer gegen die überaus schwere internationale Konkurrenz, Ossi Reicherts Sieg im Riesenslalom, mit dem die Wettkampfe wirkungsvoll gestartet wurden, war eine Sensation, nicht minder der dritte Platz des Klingenthaler Ski-Springers Harry Glass. So verteilte Göttin Fortuna ihre Gaben gerecht an West- und Ostdeutschland. Die beiden Gruppen der gesamtdeutschen Mannschaft kehren mit je einer Medaille heim. Wenn auch nicht alle unsere Wünsche in Erfüllung gingen, so dürfen unsere Sportler mit dem Ergebnis von Cortina doch zufrieden sein, vor allem, weil es gelang, eine gesamtdeutsche Mannschaft an den Start zu bringen,

Cortina d’Ampezzo, Anfang Februar

Auf dem Wege von Cortina nach Hause haben sich viele, Zuschauer wie Teilnehmer, fragen müssen, ob die Olympischen Spiele überhaupt noch zeitgemäß sind, ob nicht wenigstens die Regeln, von denen die Zulassung eines Teilnehmers abhängt, revidiert werden müßten. Denn diese Regeln reichen ganz offensichtlich nicht aus. So kann zum Beispiel zu leicht als Teilnehmer bei den Olympischen Spielen mitmachen, wer sich nicht scheut, einen Meineid zu schwören.

Nach den Regeln müssen zur Zeit für jeden Teilnehmer drei schriftliche Erklärungen abgegeben werden, in denen bescheinigt wird – einmal von dem Teilnehmer selbst, ein zweites Mal von seinem Trainer und schließlich von seinem Klub – daß der Sportler sich mit Grund und gutem Gewissen als Amateur bezeichnen darf. Die Russen zum Beispiel haben gar keine Schwierigkeit, solche Bescheinigungen beizubringen, und dem Internationalen Olympischen Komitee bleibt nichts anderes übrig, als sie zu akzeptieren. Sie seien alle gute Amateure, erklärten die russischen Wintersportler – und erzählten dann ganz naiv von ihrem Training, das sehr viel umfassender ist, als es sich jemand, der neben dem Sport auch noch einen richtigen Beruf ausüben muß, leisten könnte.

Die Spitzenkönner der Weltklasse in jedem Sport messen ihre Kräfte ganz gern mit den Staatsprofis aus den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang; denn sie wollen am liebsten gegen die stärksten Gegner bestehen, die es überhaupt gibt. Wer aber nun nicht ganz zur Spitzenklasse gehört, mag trotzdem finden, daß er berechtigte Aussichten bei einer Olympiade hätte, wo der Begriff Amateur strenger interpretiert würde. So gibt es eine große Gruppe von Leuten, die die Ansicht vertritt, entweder müsse man Mittel finden, den Begriff Amateur scharf zu begrenzen, oder aber es wäre besser, auch richtige Berufssportler ruhig an den Spielen teilnehmen zu lassen. Es ist die alte Kontroverse, wie sie zum Beispiel im Sommer immer wieder bei den Tennismeisterschaften von Wimbledon auftaucht.

Natürlich gibt es auch diesseits des Eisernen Vorhangs Skifahrer und Schlittschuhläufer, die man – besonders wenn man in England wohnt – als berufsgebundene Sportler bezeichnen möchte: Skilehrer oder Bergführer zum Beispiel, die den größeren Teil des Jahres auf Schneeschuhen stehen.

Eine bedrohlich große Rolle spielt heute bei den Olympischen Spielen das Nationalprestige. Wenn also zum Beispiel der Pilot der italienischen Luftwaffe Alberto dalla Costa im Zweierbob eine Goldmedaille gewinnt, dann schickt der italienische Verteidigungsminister ihm ein Telegramm, in dem geschrieben steht, diese Leistung sei eine Ehre für den italienischen Sport und die italienische Luftwaffe. Die amerikanische Eiskunstläuferin Allbright trägt einen Brief von Präsident Eisenhower in der Tasche und gibt Vorstellungen im Auftrage des amerikanischen Außenministeriums. Die Schweizer haben ihren Teilnehmern Zuschüsse gegeben und dabei offen erklärt, ihre Leistungen seien wichtig für den Fremdenverkehr in der Schweiz.