Gerüchte um einen Münchner Konzern“ und „Am Rande des Zusammenbruchs“ lauteten die Überschriften nordbayerischer Zeitungen, die sich in den ersten Februartagen mit Vermutungen befaßten, über die man sich auch in sehr vorsichtiger Form an der Münchner Börse unterhielt. Von hohen Steuerforderungen an einen Münchner Konzern war die Rede und gleichzeitig von kurzfristigen Bankschulden in Höhe von rund 30 Mill. DM. Ja, eine Zeitung wollte wissen, daß bei diesen ernsten finanziellen Schwierigkeiten „im Falle einer Insolvenz eine süddeutsche Bank mit einem hohen Millionenbetrag hängenbleibe“. Am Kredithebel sitzende Bankmänner, um Auskunft gebeten, verschanzten sich hinter ihrem Bankgeheimnis. Eine Stellungnahme der Münchner Gummifabrik, von der man wissen wollte, daß sie von den Steuerforderungen besonders in Mitleidenschaft gezogen werden würde, war nicht zu erhalten. Als die Spekulationen auch noch von einer Gefährdung der 5000 Arbeitsplätze des Konzerns sprachen, gab die Georg-Hirsch-Central-Geschäftsstelle München eine Erklärung heraus.

Der Hirsch-Konzern, der früher in Gera/Thüringen ansässig war, übersiedelte 1949 nach München. Schon 1923 erwarb er das Kapital der Metzeler Gummi-Werke AG, München, die 1954 ihr AK von 6 auf 18 Mill. DM erhöhte und die Mittel daraus zum großen Teil in der neuen Memminger Schaumgummifabrik investierte. Der Umsatz dieser AG, die rund 3800 Menschen beschäftigt, betrug im letzten Jahr 110 Mill. DM. Am 30. 9. 1955 verzeichnete Metzeler bei 5,2 Mill. DM Lieferantenverbindlichkeiten rd. 19 Mill. DM Warenbestände und Vorräte neben Debitoren in gleicher Höhe. Von den weiteren Konzerngesellschaften hat sich, wie wir erfahren, bei der Hans Weikert Textil - Werke GmbH, Memmingen (3 Mill. DM Stammkapital), 1955 die Produktion verdoppelt. Bei befriedigendem Ertrag sei für 1956 eine weitere Erhöhung der Erzeugung mit Sicherheit zu erwarten. Die Hermann Meyer & Co. AG, Berlin (von 4 Mill. DM Kapital 3,7 Mill. DM Hirsch-Anteil), steigerten ihren Umsatz 1955 auf rd. 30 Mill. DM. Auch hier seien zusätzliche Investitionen nötig, die Gewähr dafür bieten, daß das Unternehmen die Enteignungsschäden in der Sowjetzone (Verlust von rd. 500 Filialen) überwinde und in die Gewinnzone rücke. Auch die I. S. Schatt GmbH, Nürnberg (Armaturenherstellung, 1 Mill. DM Kapital), bei der Hirsch 1954/55 erheblich investierte, zeige eine befriedigende Gewinnentwicklung. Der Umsatz im letzten Jahr betrug 5,5 Mill. DM.

Die Erklärung des Hirsch-Konzerns also stellt fest, daß von einer Gefährdung der insgesamt 5000 Arbeitsplätze nicht gesprochen werden kann. Die von der Finanzverwaltung erhobenen Steuerforderungen von 8 Mill. DM, über die verhandelt werde, seien umstritten. Der Konzern will seine Sowjetzonen- und Auslandsverluste (CSR und Indonesien) von 80 Mill. DM geltend machen, die irgendwie aufzurechnen seien. Erklärt wird ferner, daß bei 160 Mill. DM Umsatz des Konzerns in 1955 und einer guten Ertragslage der obenerwähnten vier Hauptunternehmungen in 1954 und 1955 die Vermögenslagedes

Konzerns konsolidiert sei. Eine liquiditätsmäßige Anspannung wird allerdings zugegeben. Die Versteifung des Kapitalmarktes habe nämlich die Umschuldung kurzfristiger Mittel (mit denen die Investitionen weitgehend durchgeführt wurden) in langfristige Verbindlichkeiten verzögert. Doch seien alle Voraussetzungen dafür geschaffen, um die Konsolidierunginnerhalb kurzer Frist zu beenden. Die Central-Geschäftsstelle habe fast gar keine Waren Verbindlichkeiten, sondern nur nicht fällige Bank- und Steuerschulden. Von den kurzfristigen Bankverbindlichkeiten aller Konzernfirmen, die 30 Mill. DM betragen sollen, seien 20 Mill. DM in langfristiger Umschuldung begriffen. Das würde bedeuten, daß zu den 8 Mill. DM umstrittener Steuerforderungen „nur“ 10 Mill. DM kurzfristiger Bankverbindlichkeiten kämen, die bei einem Konzernumsatz von 160 Mill. DM nicht allzu hoch seien. Soweit die Stellungnahme der Georg-Hirsch-Central-Geschäftsstelle.

Wenn man diese Erklärung genau liest, wirkt sie nicht gerade beruhigend. Den Gerüchten wird lediglich entgegengehalten, daß es sich nur um einen Steuerstreit (mit ungewissem Ausgang) handle und um gewisse Schwierigkeiten bei der Konsolidierung von kurzfristigen Verbindlichkeiten. Hier geht es jedoch nicht nur um die Interessen der Finanzverwaltung und des Konzerns, sondern auch offenbar um die vieler Arbeiter und einiger Lieferanten. Der Bayerische Landtag täte gut daran, durch eine offene Aussprache über dieses Problem weiteren Gerüchten, die nach wie vor üppig ins Kraut schießen, den Boden zu entziehen. t. r.