S. L., Berlin

Der Oberstudiendirektor Rolf Müller, Leiter der Menzel-Oberschule in Berlin-Tiergarten, ist bei seinen Schülern, bei den Abiturienten vor allem, sehr beliebt. Auch mit dem Elternausschuß steht er sich aufs beste; immer ist er den Sorgen und Wünschen der Eltern aufgeschlossen gewesen. Ihre Sorgen waren, daß allenthalben nicht genug Lehrkräfte vorhanden sind. Die Klassen sind überfüllt. Muß dabei das Pensum eines humanistischen Gymnasiums nicht zu kurz kommen? Direktor Müller, ein leidenschaftlichen Anhänger des humanistischen Bildungsideals (er trat vor wenigen Monaten aus der SPD aus, weil ihre Ziele nach seiner Ansicht mit dem humanistischen Gedanken im Schulwesen nicht zu vereinbaren waren), verfiel auf einen ungewöhnlichen Ausweg, der ihn jetzt seinen Posten kostete.

Um seiner Schule eine höhere Zahl von Lehrkräften zu sichern und dadurch das stete Stundenplan-Dilemma zu beheben, fügte Direktor Müller den der Behörde überreichten Meldungen seiner legitimen Schülerzahl einhundertundzwei „tote Seelen“ hinzu. Das bedeutete für die Schule mehr Lehr- und Lernmittel und, vor allem, mehr Lehrer. Die Menzel-Oberschule erhielt also auf Grund von Müllers Falschmeldungen vier Lehrkräfte mehr, als ihr in den engen Grenzen des behördlichen Schuletats von Rechts wegen zustanden. Dies förderte den Schulbetrieb ganz ungemein. Für die Behörde indessen war das Ergebnis weniger erfreulich: Da ein Oberschüler des wissenschaftlichen Zweiges runde fünfhundert DM „wert“ ist, entstanden der Stadt Berlin durch die 102 „Gespensterschüler“ etwa 50 000 DM unberechtigter Mehrkosten. Kurz vor dem bevorstehenden Abitur wurde Direktor Müller jetzt, sehr zum Leidwesen seiner Abiturienten, von seinem Posten beurlaubt und muß einem Dienstverfahren entgegensehen.

Das Delikt, das Rolf Müller zu verantworten haben wird, fällt in die anrüchige Kategorie der Urkundenfälschungen. Trotzdem haftet der fingierten Schülerzahl nichts eigentlich Ehrenrühriges an: er hat aus den edelsten Motiven gehandelt, als echter Mensch und echter Schulmann. Und jedermann bedauert Müllers Amtsenthebung, voran die Behörde selbst. Der zuständige Bezirksstadtrat betont, daß Müller als Schulleiter hochangesehen sei. und sich stets für seine Schule eingesetzt habe. Seine Verfehlung entspränge durchaus idealistischen Motiven; er habe keineswegs irgendwelche persönlichen Vorteile aus seinen Falschmeldungen ziehen, sondern lediglich die Stundenplanschwierigkeiten seiner Schule beseitigen wollen, deren Leiter er seit 1950 mit großem Erfolg ist. Auch die Vergangenheit Müllers ist durchaus integer: er gehört zu den Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes, durfte von 1933 bis 1945 seinen Lehrberuf nicht ausüben. Nach Kriegsende begann der heute 48jährige als Studienrat an der Menzel-Schule zu arbeiten. Müller selbst versucht nicht, sein Delikt zu verschleiern. Freimütig gibt er zu, daß die 102 Schüler von ihm ,,erfunden“ worden sind. Jedoch habe er sich dabei nur von dem Gedanken an seine Schule leiten lassen. Er habe, so erklärt er, stets „nur die kulturelle Bedeutung des Gymnasiums vor Augen“ gehabt.