Wenn hundert Kombattanten über dieselbe Aktion berichten, kommen – das kann wohl gar nicht anders sein – hundert mehr oder minder unterschiedliche Berichte zustande: zumal dann, wenn unsere Gewährsleute teils auf dieser und teils auf jener Seite mitgestritten haben. Trotzdem wird man erwarten dürfen, daß, wer mit dabei war, den Ablauf der Dinge auch noch aus der Erinnerung einigermaßen genau wiedergeben kann ... Wenn nun aber, bezogen auf die konjunkturpolitische Diskussion des letzten Jahres, gesagt oder geschrieben wird:

„Es fing damit an, daß alle Welt mit großem Stimmenaufwand von Überhitzung in der Wirtschaft redete...“

– so muß ja wohl festgestellt werden, daß es genau nicht so war, sondern umgekehrt: es fing nämlich damit an, daß „alle Welt“, und voran die professionelle Konjunkturbeobachtung, mit großem Nachdruck, erklärte, es sei verfehlt, vor den Gefahren eines Übernachfrage-Booms zu warnen; wenn eine solche Gefahr überhaupt je (zu Ausgang 1954 oder zu Anfang 1955) bestanden habe – so hieß es später –, so sei sie mittlerweile längst überwunden, und die einzige Gefahr sei, daß man nachträglich noch die Nerven verliere ... Das war die allgemeine Auffassung, bis zu jenem Paukenschlag der BdL vom 3. August, der die unbequemen Mahnungen der Warner (die Bescheidenheit verbietet es uns, sie noch einmal mehr bei Namen zu nennen!) nachträglich bestätigte – und der außerdem einen nahezu totalen Meinungsumschwung sozusagen „über Nacht“ herbeiführte. Sollten aber wir uns in der Darstellung des historischen Ablaufs gründlich geirrt haben, so sind wir gern bereit, uns zu berichtigen; Herr Dr. Ernst Schneider, der Präsident der Düsseldorfer Industrie- und Handelskammer, von dem die oben angeführte Sentenz stammt, ist also eingeladen, seine Auffassung hier zu begründen und zitatmäßig zu belegen. In den von der BdL zusammengestellten „Pressestimmen“ wird er freilich (vor Anfang August 1955) keine Hinweise auf die Übernachfrage („Überhitzung“) finden, obwohl sehr berechtigte Warnungen vor einer solchen Entwicklung auf einzelnen Märkten – voran dem Aktienmarkt – schon rechtzeitig, d. h. im Spätherbst 1954, veröffentlicht worden sind. Sie haben eben nur damals kein Gehör gefunden, und wer warnte, der stand, böse gescholten, in einer bitteren Isolierung.

Dafür haben nun jene das große Wort, die erst ganz zuletzt die Wandlung vom Saulus zum Paulus vollzogen haben – und Leute, die mit ihrer allzu spät vollzogenen Bekehrung zu einer prophylaktischen Konjunkturpolitik bestimmte Sonderinteressen verbinden. Ein solcher Saulus-Paulus ist der Verfasser der Monatsberichte über „Die wirtschaftliche Lage“ im Bundeswirtschaftsministerium, der kürzlich noch schrieb:

„In dieser Situation – noch anhaltende partielle Übersteigerungen im Grundstoff- und Investitionsgüterbereich und stark anziehende Verbrauchsgüterkonjunktur – kommt den generellen Maßnahmen der Konjunkturpolitik, insbesondere auch einer unbeirrten Fiskal- und Kreditpolitik, bis auf Weiteres besondere Bedeutung zu.“

Was hier mit der Wendung von der unbeirrten Fiskalpolitik wirklich gemeint ist, dürfte nicht zweifelhaft sein: nämlich eine Waffenhilfe für die Kollegen im Schäffer-Ministerium, die sich gegen eine lineare Steuersenkung („Tarifanpassung“) und für die Beibehaltung der Thesaurierungspolitik einsetzen. Daß sie dies tun, par ordre du chef, ist nicht weiter verwunderlich – erstaunlich bleibt aber, daß sie dabei Sukkurs vom Erhard-Ministerium erhalten! Hierbei geht es insbesondere um einen Aufsatz, den Ministerialdirigent Dr. Viaion vom Schäffer-Ministerium (im „Bulletin“) zur Rechtfertigung der Thesaurierungs- oder Juliusturm-Politik geschrieben hat – mit dem Effekt, daß spitze Zungen bereits vom „Vialon-Turm“ sprechen. Dr. Vialon, einer der besten und fähigsten Solisten im Ensemble des Bundesfinanzministers, hat sich freilich die Chance entgehen lassen, die monetäre „Stillegung“ jener Milliardenbeträge (an nicht abgerufenen Ausgabebeträgen des Wehrhaushalts – oder an Reserven des Bundeshaushalts insgesamt) mit dem Hinweis darauf zu rechtfertigen, daß so ein Gegengewicht geschaffen worden sei (und noch laufend weiter geschaffen werde) gegen die Liquidisierungstendenzen, die von den Zahlungsbilanzüberschüssen ausgehen.

Soviel aber ist sicher: auch in den Ministerien hat man nun endlich kalte Füße bekommen angesichts der Geldfülle, die aus dem Ankauf von Devisen (gleich Exporterlösen) seitens der Bank deutscher Länder entstanden ist, und die trotz aller gegenteiligen Voraussagen noch immer weiter – von Monat zu Monat in wechselnder Höhe, bei sichtbarlich sinkendem Trend – entsteht. Da dieser aus der Mehrausfuhr resultierenden „Geldschöpfung“ kein Äquivalent im Angebot von Waren oder Dienstleistungen gegenübersteht, spricht man von einem inflatorischen Effekt, und ist also nun sehr froh, daß durch das „Einsperren“ oder „Stillegen“ von (bisher!) 6,5 Mrd. DM im Vialon- oder Juliusturm, d. h. auf einem Sonderkonto der Zentralbank, ein deflatorischer Gegeneffekt zur Geltung kommt... der außerdem noch den Vorzug hat, daß man sich auf ihn und seine segensreichen Wirkungen bei der Ablehnung aller Wünsche an Steuersenkung (oder auf Mehrausgaben) berufen kann!